Kuratorium Pfahlbauten - Burgring 7, 1010 Wien
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Was sehen wir da aus der Luft? Zeitensprung 2023

25. Oktober 2023

Seit 2013 führt das Kuratorium Pfahlbauten ein regelmäßiges Monitoring an den österreichischen Fundstellen des UNESCO-Welterbes „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ durch. Dabei wurde an manchen Fundstellen nach über 30 Jahren das erste Mal wieder der Erhaltungszustand der unter Wasser liegenden Denkmäler durch wissenschaftliche Taucher:innen geprüft und ein Monitoringsystem an den UNESCO-Welterbestätten installiert. Seitdem wird der Zustand der Fundstelle zweimal im Jahr kontrolliert und jährliche Erosionsmessungen getätigt. Ebenfalls werden vom Bundesdenkmalamt in Auftrag gegebene Schutzmaßnahmen umgesetzt und/oder deren Effekte geprüft. Ziel dieser Arbeiten ist es, die prähistorischen Siedlungsreste in der Flachwasserzone so gut wie möglich zu erhalten.

Bei der UNESCO-Welterbestätte Abtsdorf I am Attersee (Bronzezeit, 1650 v. Chr.) hat vor allem der Segelsport und Bootsverkehr Auswirkungen auf das Bodendenkmal im Uferbereich. Segelbojen werden mit einer Eisenkette an einem Betonstein am Seeboden befestigt. Bei Wind und Welle kommt die Boje in Bewegung und die Eisenkette zieht am Boden ihre Kreise. Dieser Effekt führt zu großen Kratern um den Bojenstein, welche den Stein tief in den Seeboden eingraben und die prähistorischen Schichten im Boden zerstören können. Auch Ankerwürfe oder nachschleifende Anker zerfurchen den Seeboden und die darin befindlichen bronzezeitlichen Siedlungsreste. Seit der Entdeckung der Fundstelle 1977 durch die Sporttauchgruppe UTC Wels und der darauffolgenden Unterschutzstellung wurde der Fundstelle nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Mit der Ernennung zum UNESCO-Welterbe kam jedoch die Verantwortung, sich dem Schutz der Fundstelle zu widmen. 

Bei den ersten Monitoringmaßnahmen durch das Site Management Oberösterreich wurde bald klar, dass Segelbojen und Ankerungen eine Gefahr für das Welterbe darstellten. Um die Auswirkungen der Bojenkrater zu verdeutlichen, wurden 2015 Luftbilder durch die Firma 7Reasons mit einer Drohne aufgenommen. Mehrere groß angelegte Schutzkampagnen waren die Folge, die letztlich dazu führten, dass heute im gesamten Bereich denkmalgerechte Segelbojen installiert wurden und ein Ankerverbot herrscht.

Doch die Luftbilder hatten auch einen anderen Effekt. In einigen Bildern lassen sich rechteckige Strukturen im Seeboden erkennen. Was sehen wir da aus der Luft? Diese Frage stellte sich Henrik Pohl und ließ bei der nächsten Tauchkampagne einen seiner Taucher nachsehen. Stefan Dziwis ging unter Wasser und fand an einer der im Luftbild verdächtigen Stellen einen dicken Holzbalken, dem er eine Probe zur Datierung entnahm.

Im C14-Labor wurde die Probe mit der Radiokarbonmethode analysiert, die ein Datum um 2300 v. Chr. ergab. Damit ist die Probe wesentlich älter als die Fundstelle Abtsdorf I (1650 v. Chr.) und der Holzbalken befindet sich in einer spannenden Übergangsphase vom Endneolithikum zur frühen Bronzezeit. Jetzt muss man wissen, dass zu dieser Zeit in unserem Raum die Glockenbecherkultur aufkam. Eine Kulturgruppe, die ihre Toten nicht mehr in Körperbestattungen niederlegte, sondern verbrannte und in Keramikgefäßen mit Glockenform bestatteten. Aus der Glockenbecherkultur sind wenige Siedlungsbefunde bekannt, eine Holzkonstruktion aus dieser Zeit wäre demnach von besonderem wissenschaftlichem Interesse.

Natürlich lässt sich von einem Holz und einer C14-Datierung noch lange kein Holzbau interpretieren, darum wurden im Frühjahr 2023 weitere Proben an Hölzern in diesem Bereich entnommen und versucht, durch geophysikalische Messungen die Ausdehnung der Holzlagen zu verifizieren. Zur Überraschung kamen diese Proben mit einem eisenzeitlichen Datum (900-800 v. Chr.) zurück. In Abtsdorf I befinden sich also mehrere, unterschiedlich alte, liegende Hölzer, welche nicht nur im Luftbild, sondern auch in der Geophysik sichtbar werden.

Aber was liegt da im Seeboden? Welche Hölzer stehen im Zusammenhang miteinander und gibt es noch Kulturschicht aus anderen Zeiten? Mit diesen Forschungsfragen kehrt das Projekt Zeitensprung nun also an den Attersee zurück. Ab dem 23. Oktober werden in den kommenden drei Wochen Bohrungen im Bereich der Hölzer durchgeführt und kleine Bereiche mit Holzlagen freigelegt.

Am 3. November lädt die Grabungsmannschaft interessierte Besucher:innen herzlich zum Tag der offenen Grabung ein. Alle Info dazu gibt es hier.

Zugehöriges Projekt


Forschungen in den Seeufersiedlungen in Attersee und...

Henrik Pohl ist als Site Manager des Kuratoriums Pfahlbauten in Oberösterreich für das UNESCO-Welterbe der Prähistorischen Pfahlbauten zuständig.

Helena Seidl da Fonseca arbeitet seit 2012 beim Kuratorium Pfahlbauten. Sie ist ausgebildete Forschungstaucherin und Grabungsleiterin im Forschungsprojekt Zeitensprung.

Im Luftbild sind verdächtige Strukturen sichtbar (untere Hälfte rechts). Bild: 7resaons/ Kuratorium Pfahlbauten
Bei Prospektionstauchgängen wurden verschiedene Hölzer entdeckt. Bild: Kuratorium Pfahlbauten
Im Vordergrund eines der Hölzer, im Hintergrund ein Bojenkrater. Bild: Kuratorium Pfahlbauten
Am 3. November lädt das "Zeitensprung"-Team herzlich zum Tag der offenen Grabung ein.
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Fördergeber

 
Das Kuratorium Pfahlbauten wurde im Jahr 2012 von Bund und Ländern ins Leben gerufen, um den österreichischen Teil des internationalen UNESCO-Welterbes „Prehistoric Pile Dwellings around the Alps“ stellvertretend für die Republik Österreich zu betreuen.

Die Fördergeber sind:

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Das UNESCO-Welterbe „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ wird unterstützt durch: