MOOSWINKEL 2019 – Grabungsende und erste Ergebnisse

10. Mai 2019

Die diesjährige Grabungskampagne ist nun vorbei. Vom 01.-26.April war ein rund 10-köpfiges Grabungsteam dabei die kupferzeitliche Seeufersiedlung in Mooswinkel, die in den Zeitrahmen zwischen 3700-3400 vor Christus datiert, weiter auszugraben. Bereits 2018 wurde hier eine Fläche von 3 Quadratmetern ergraben, 2019 wurden noch weitere 4 Quadratmeter um den vorherigen Schnitt herum geöffnet. Dabei sind spannende Funde und Befunde zum Vorschein gekommen, von denen wir heute gerne einige vorstellen möchten:

Holzobjekte

Schon 2018 lagen eine Vielzahl an dicken Balken kreuz und quer verstürzt innerhalb der Grabungsfläche. Viele davon endeten in den Profilen und konnten dieses Jahr weiterverfolgt werden. Bei dem ein oder anderen liegenden Holz konnte so das Ende ausfindig gemacht werden. Diese Enden sind teilweise auf eine bestimmte Art zugearbeitet und lassen damit Rückschlüsse auf Bautechniken schließen. Beispielsweise das Holz mit der Nummer 1 wurde am Ende abgeschrägt. Das Holz mit der Nummer 32 weist sogar eine Art Verzapfung auf (siehe Bild 2+3).

Herauszufinden für welchen Zweck die Hölzer in dieser Art zugeschlagen wurden ist nun unsere weitere Aufgabe. Um welche Verbindungsart handelt es sich hierbei, ist es eine Eck- oder Längsverbindung? Durch die genauere Untersuchung der Hölzer können gewisse Verwendungsarten im Hausbau bestimmt bzw. ausgeschlossen werden, denn es wirken unterschiedliche Kräfte auf Pfetten, Sparren oder Posten. Hierzu wird die Holzart von Michael Grabner an der BOKU bestimmt und ExpertInnen in prähistorischer Bautechnik untersuchen die Objekte. Denn einige Holzarten sind stärker belastbar als andere. Auch die Faserrichtung spielt eine wichtige Rolle und kann Aufschluss über die Belastungsschwerpunkte bzw. Verwendungsart des Holzes geben. 

Seile und Gewebe

In den Kulturschichten von Mooswinkel befanden sich zahlreiche Seilfragmente, die im Zuge der Ausgrabungen geborgen werden konnten (siehe Bild 8). In Bezug auf den Hausbau könnten auch Seile eine tragende Rolle gespielt haben, denn zur Zeit der Seeufersiedlung Mooswinkel wurden noch keine Nägel verwendet. Demnach müssen Steck, Zapf und/oder Seilverbindungen zur Errichtung eines Hauses genutzt worden sein. Eine Rekonstruktion mit Seilverbindungen aus dem archäologischen Museum „Le Laténium“ in Neuchâtel zeigt wie so eine Bautechnik für ein Pfahlbauhaus funktioniert haben könnte (siehe Bild 4).

Erstmals bei unseren Unterwasser-Ausgrabungen wurden dieses Jahr neben Seilfragmenten auch Reste von Textilien freigelegt. Diese sehr fragilen Objekte werden nun von unseren Restauratorinnen im Landesmuseum Oberösterreich konserviert und für weitere Untersuchungen an Textilarchäologin Helga Rösel-Mautendorfer weitergegeben. Die folgenden Untersuchungen an den Seilen und Geweben können herausfinden welche Pflanzenart verwendet und mit welchen Techniken das Objekt angefertigt wurde. Daraus lassen sich ebenfalls mögliche Verwendungsarten erschließen.

Keramik

Auch dieses Jahr wurde wieder eine große Anzahl an Keramik geborgen. In Mooswinkel fanden wir bis jetzt gerade einmal eine Handvoll verzierte Keramik. Dafür treten eine Vielzahl an sehr großen Keramikscherben, teilweise mit Boden und Henkel auf. Fast vollständige Gefäße waren darunter und einige Scherben lassen vermuten, dass sie vielleicht zu einem Gefäß zusammengesetzt werden könnten (Bild 5+6). Die Größe der Keramikscherben lässt auf beachtliche Vorratsgefäße unter den Objekten schließen. Einige Kochtöpfe sind auch darunter. An den Innenseiten der ein oder anderen Scherbe könnten sich sogar noch angebrannte Reste des ehemaligen Inhalts befinden. Die Keramikobjekte werden gerade langsam getrocknet und im Anschluss von Jakob Maurer von der Universität Wien archäologisch weiter untersucht.

Nahrungsreste

Die Erhaltungsbedingungen in Mooswinkel sind wirklich unglaublich. Von einigen besonders schönen Stücken berichteten ja bereits unsere MitarbeiterInnen im Pfahlbauten-Blog, wie beispielsweise von den verkohlten Apfelhälften oder den Tierknochen. Besonders spannend sind auch die Kleinsten unter den Kleinen, wie beispielsweise Fischschuppen oder Reste von Fischkiefern. Diese Nahrungsreste stießen natürlich auf besonderes Interesse in unserer provisorischen Forschungsbasis im Bundesamt für Wasserwirtschaft in Scharfling. Besonders Herrn Wolfang Hauer möchten wir in diesem Zusammenhang danken. Er schaute öfter bei unseren KollegInnen an der Schlämmerstation vorbei und beantwortete alle Fragen in Bezug auf Fischartenbestimmung. So wissen wir, dass am Mondsee bereits vor 6000 Jahren der Hecht gefischt wurde (Bild 7). Die gesamten Fischreste werden in weiterer Folge von unserem Spezialisten Alfred Galik vom Österreichischen Archäologischen Institut bestimmt und erforscht. Fischschuppen weisen nämlich auch Jahrringe auf, anhand derer ExpertInnen erkennen können in welchem Alter ein Fisch gefangen wurde. Das Alter lässt wiederrum Rückschlüsse darauf ziehen ob ein Fisch im Winter oder im Sommer gefangen wurde. Mit diesen Untersuchungen finden wir heraus ob der Fischfang die BewohnerInnen von Mooswinkel lediglich über die kalten und kargen Wintertage rettete oder ob der Fisch alljährlich als Delikatesse auf dem Speiseplan stand. 

Es gäbe noch eine Reihe weiterer interessanter Details aus der Seeufersiedlung Mooswinkel, über die wir hier schreiben könnten, aber alles zu seiner Zeit. Wie man sieht kommt bei einer 7 Quadratmetern großen Unterwasser-Ausgrabung bereits eine Menge Fundmaterial zu Tage, welches weiterbearbeitet und erforscht gehört. Bei derart günstigen Erhaltungsbedingungen ist ein verantwortungsvolles und genaues archäologisches Graben wichtig. Die Ausgrabung von fast vier Kubikmetern Kulturschicht konnte dieses Jahr nicht vollständig abgeschlossen werden. Zu viele, zum Teil sehr fragile Funde und komplexe Befunde birgt die Seeufersiedlung. Die Ausgrabungen von 2018 und 2019 haben eine solide und gute Datenbasis für weitere Forschungen an der Station Mooswinkel gebracht. Dieses Jahr konnte das Niveau der letzten und ältesten Kulturschicht erreicht werden. Die Ebene wurde mit Geotextil abgedeckt und die Wände des Grabungsschnittes mit Stahlplatten abgestützt. Mit dieser Absicherung der Grube unter Wasser haben wir den Mondsee verlassen und widmen uns nun der Aufarbeitung des ergrabenen Fundmaterials. Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung der Ausgrabung in Mooswinkel und werden auch weiterhin über die neuen Ergebnisse und die folgenden Untersuchungen in unserem Pfahlbauten-Blog berichten.

Zugehöriges Projekt


Forschungen in den Seeufersiedlungen in Attersee und...

Helena Seidl da Fonseca arbeitet seit 2012 beim Kuratorium Pfahlbauten. Sie ist ausgebildete Forschungstaucherin und Grabungsleiterin im Forschungsprojekt Zeitensprung.

Grabungsfläche Mooswinkel. (Bild 1: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Grabungsfläche Mooswinkel. (Bild 1: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Liegendes Holz (Nr. 1) mit Abschrägung. (Bild 2: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Liegendes Holz (Nr. 1) mit Abschrägung. (Bild 2: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Liegendes Holz (Nr. 32) mit Verzapfung. (Bild 3: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Liegendes Holz (Nr. 32) mit Verzapfung. (Bild 3: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Pfahlbauhaus-Rekonstruktion aus dem archäologischen Museum „Le Laténium“ in Neuchâtel. (Bild 4: Helena Seidl da Fonseca)
Pfahlbauhaus-Rekonstruktion aus dem archäologischen Museum „Le Laténium“ in Neuchâtel. (Bild 4: Helena Seidl da Fonseca)
Fast vollständig erhaltener Keramiktopf. (Bild 5: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Fast vollständig erhaltener Keramiktopf. (Bild 5: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Große Keramikstücke innerhalb der Kulturschicht. (Bild 6: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Große Keramikstücke innerhalb der Kulturschicht. (Bild 6: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Unterkiefer vom Hecht. (Bild 7: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Unterkiefer vom Hecht. (Bild 7: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Reste einer Schnur. (Bild 8: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Reste einer Schnur. (Bild 8: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
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Das Kuratorium Pfahlbauten wurde im Jahr 2012 von Bund und Ländern ins Leben gerufen, um den österreichischen Teil des internationalen UNESCO-Welterbes „Prehistoric Pile Dwellings around the Alps“ stellvertretend für die Republik Österreich zu betreuen.

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