Mooswinkel 2019 - Bȇn zi Bȇna, Bein zu Bein

8. Mai 2019

Ich werde euch heute etwas verraten: Ich liebe Knochen! Das war übrigens nicht immer so. Noch in meiner Kinder- und frühen Jugendzeit habe ich mir vor Knochen, und besonders vor ganzen Skeletten, ziemlich in die Hosen gemacht. Ein Film, in dem Skelette vorkamen, egal in welchem Zusammenhang, war automatisch ein Gruselfilm. Aber als ich dann am Beginn meines Archäologiestudiums in einer Einführungsvorlesung zum ersten Mal echte Knochen in die Hand gedrückt bekam, schlug diese Scheu (fast Angst, ich geb`s zu) ziemlich augenblicklich in Faszination und Begeisterung um.

Die Faszination ist geblieben und so habe ich im Laufe meines Studiums auch einige Bestimmungsübungen im Bereich der physischen Anthropologie und der Archäozoologie besucht. Damit bin ich noch meilenweit davon entfernt, eine Spezialistin zu sein, aber ich habe mir ein ganz solides Grundlagenwissen aufbauen können – und so habe ich jetzt viel Spaß dabei, mein kleines Häufchen Wissen auf Grabungen anzuwenden und zu versuchen, die geborgenen Knochen zu bestimmen.

Unsere Unterwasserausgrabung in Mooswinkel bietet dafür eine perfekte „Spielwiese“. Denn einerseits kann ich hier ohne Druck rumprobieren und mich an eine mögliche Bestimmung herantasten, immer in dem Wissen, dass sich in den späteren Phasen des Projektes ein Spezialist noch intensiv mit den Tierknochen beschäftigen wird.  Andererseits ist es jedoch für unsere Arbeit vor Ort während der Grabung durchaus relevant, schon erste Anhaltspunkte zu dem geborgenen Knochenmaterial zu haben. Provisorische Bestimmungen der Tierknochen helfen uns, Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Schichten im Grabungsschnitt herzustellen, und sie geben uns erste Hinweise auf die Funktion bzw. den Hintergrund, wie eine Ablagerung zustande gekommen sein könnte. Große Konzentrationen von Tierknochen in einer bestimmten Schicht können beispielsweise auf eine Abfallschicht oder -Grube hindeuten, während einzelne Knochenwerkzeuge oder Schmuck aus Knochen eher Verlustfunde darstellen, also ihren Besitzern wohl irgendwann verloren gingen und nicht absichtlich weggeworfen wurden.

Natürlich bin ich auch nicht die Einzige in unserem Grabungsteam, die sich von den Knochen begeistern lässt. Florian und Samuel, meine Kollegen in der Fundverwaltung, sind da nicht weniger interessiert und Bestimmungs-eifrig als ich. Die Beiden haben sich während dem Schlämmen immer wieder Rat und Infos zu den frisch geborgenen Fischknochen beim Spezialisten für Fischknochen am Bundesamt für Wasserwirtschaft in Scharfling geholt. Samuel hat außerdem einen Teil seines Feierabends einmal damit verbracht, geduldig Knochen für Knochen und Splitter für Splitter das Bein eines jungen Rindes wieder zusammen zu setzen.

Wenn ich einen Knochen bestimmen möchte, nehme ich dafür meistens Bestimmungsliteratur mit Abbildungen der einzelnen Knochen von unterschiedlichen Tiergattungen zu Hilfe. Als allererstes muss eine grundlegende Frage beantwortet werden: Tier oder Mensch? Denn wenn menschliche Überreste geborgen werden, muss eine Anthropologin oder ein Anthorpologe hinzugezogen werden. Wenn es sich aber um einen Tierknochen handelt, kann ich weiter machen. Da ist dann die nächste Frage: Um was für ein Tier handelt es sich grob – Säugetier, Amphibie, Fisch, Vogel? Am besten kenne ich mich mit Säugetieren aus, aber inzwischen erkennen wir alle auch schon einige andere Tiere recht gut; neben den Fischen, von denen wir meist Kieferfragmente und Wirbel finden, vor allem Hüft- und Beinknochen von Fröschen und Kröten.

Als Nächstes versuche ich herauszufinden, zu welchem Körperteil der Knochen gehört – zu den Extremitäten, dem Rumpf, dem Schädel? Meistens verwende ich dabei das menschliche Skelett als gedanklichen Vergleich, nachdem ich das besser kenne. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: Manche Körperteile wie „Hände“ und „Füße“ sehen bei Tieren oft völlig anders aus als bei Menschen und um die Verwirrung komplett zu machen, unterscheiden sie sich dann auch nochmal stark je nach Tierordnung, beispielsweise zwischen Raubtieren und Huftieren. Und manche Knochen wie Hornzapfen, Huf- bzw. Klauenbeine oder eine Schwanzwirbelsäule gibt es natürlich bei Menschen gar nicht, die muss man dann einfach so identifizieren können. Oh, und natürlich muss man auch immer im Hinterkopf behalten, dass Knochen sowohl von erwachsenen Tieren als auch von Jungtieren stammen können. Diese sind halbwegs einfach zu unterscheiden, wenn man beispielsweise einen Langknochen mit erhaltenen Gelenksenden vor sich hat – ist die Wachstumsfuge verwachsen, handelt es sich um erwachsenes Tier, wenn nicht, dann um ein junges, und wenn die Fuge gerade dabei ist, zu verwachsen, dann ist es sozusagen ein „Teenager“. Aber wenn keine Gelenksenden mehr erhalten sind, oder wenn es sich um Schädelknochen (ohne Kiefer) oder Ähnliches handelt, dann wird die Bestimmung deutlich schwieriger.

Insgesamt läuft der ganze Bestimmungsprozess bei mir dann häufig so oder so ähnlich ab: TaucherIn bringt uns einen Knochenfund, ich schreibe einen Fundzettel dazu – hm, ok, eindeutig ein Langknochen, vielleicht Unterarm oder Unterschenkel – warte, stopp, irgendwie passt die Form dafür aber gar nicht – ha, ich hab`s, es ist ein Mittelhand- oder Mittelfußknochen, der Größe nach vermutlich von Schaf oder Ziege (diese beiden Tierarten sind meist praktisch nicht unterscheidbar) – oooh, aber hier fehlen ja beide Gelenksenden, die waren noch nicht verwachsen, also war das noch ein Jungtier – das passt von der Größe her dann aber nicht für Schaf oder Ziege, das ist zu groß – hm, dann ist es vermutlich ein junges Rind – oder vielleicht ein Hirsch, aber dann wäre es fast noch etwas länger und filigraner, glaub ich… ok, schreiben wir „Metapodium, vermutl. Rind, Jungtier“.

Und am Schluss wird dann alles fein säuberlich verpackt: die Tauchfunde einzeln, die Knochenfunde aus den Schlämmsäcke alle zusammen, nach dem Motto „Bein zu Bein“. Da landen dann Fischwirbel zusammen mit Froschschenkeln in einem Döschen und Rinderknochen werden zusammen mit Schweineknochen eingesackerlt. Da die Tierknochen aus Mooswinkel alle sehr gut erhalten sind, benötigen sie kaum eine spezielle Behandlung. Nur austrocknen sollten sie nicht zu schnell, sondern langsam und kontrolliert, da sie sonst Sprünge bekommen können.

Inzwischen, nach Grabungsende, wurden alle Knochenfunde bereits sicher nach Leonding ins Depot des OÖ Landesmuseums transportiert. Nun heißt es abwarten, bis die Knochen genauer analysiert und bestimmt werden können, ob sich unsere ersten Vermutungen auf der Grabung vielleicht bestätigen und welche neuen Erkenntnisse noch hinzukommen. Es bleibt also spannend!

Anmerkung: Da ich, wie schon im Text gesagt, keine Spezialistin bin, handelt es sich bei den Bestimmungen der hier gezeigten Knochen nur um grobe erste Einschätzungen, die nicht zwangsläufig richtig sein müssen!

Zugehöriges Projekt


Forschungen in den Seeufersiedlungen in Attersee und...

Doris Jetzinger studiert Urgeschichte und Historische Archäologie an der Universität Wien und ist seit 2016 im Projekt Zeitensprung in der Fundbearbeitung der Unterwasser-Ausgrabungen tätig.

Unterkiefer eines Schweines, nicht vollständig erhalten. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Unterkiefer eines Schweines, nicht vollständig erhalten. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Zwei Unterkieferhälften eines jungen Hundes, stammen vermutlich vom selben Individuum. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Zwei Unterkieferhälften eines jungen Hundes, stammen vermutlich vom selben Individuum. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Eine Unterkieferhälfte, vermutlich von einem Hasen. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Eine Unterkieferhälfte, vermutlich von einem Hasen. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Bestandteile der unteren Extremitäten, vermutlich von einem jungen Rind, passen großteils zusammen. Von Samuel liebevoll wieder zusammengesetzt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Bestandteile der unteren Extremitäten, vermutlich von einem jungen Rind, passen großteils zusammen. Von Samuel liebevoll wieder zusammengesetzt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Zwei Klauenbeine eines Paarhufers. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Zwei Klauenbeine eines Paarhufers. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Erster Halswirbel (Atlas), vermutlich von einem Biber. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Erster Halswirbel (Atlas), vermutlich von einem Biber. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
1 von 6

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
Weitere Informationen zur Erhebung und Speicherung ihrer Daten können sie der Datenschutzerklärung entnehmen

Fördergeber

 
Das Kuratorium Pfahlbauten wurde im Jahr 2012 von Bund und Ländern ins Leben gerufen, um den österreichischen Teil des internationalen UNESCO-Welterbes „Prehistoric Pile Dwellings around the Alps“ stellvertretend für die Republik Österreich zu betreuen.

Die Fördergeber sind:

Partner und Sponsoren

   
Das UNESCO-Welterbe „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ wird unterstützt durch: