Mooswinkel 2019 - Von Funden und Befunden

26. April 2019

In unseren vorherigen Berichten über die Grabung in Mooswinkel wurde bereits viel über die Fundverwaltung und die Arbeiten unter Wasser berichtet. Dabei betonen unsere fleißigen MitarbeiterInnen immer die Wichtigkeit und Bedeutung einer genauen Dokumentation bei einer archäologischen Ausgrabung. Eine archäologische Dokumentation bedeutet, die Fundzusammenhänge, den Kontext, in dem sich archäologische Quellen befinden, zu erfassen und so gut es geht aufzuzeichnen. Denn eine Ausgrabung bedeutet zwangsläufig auch immer die Zerstörung dieser Zusammenhänge.

Die Quellen, die wir durch die Ausgrabungen erschließen, werden grob gesagt in Funde und Befunde unterschieden. Funde sind dabei die Objekte, die wir bergen, wie z. B. eine Pfeilspitze. Befunde sind - vereinfacht ausgedrückt - die Zusammenhänge, in denen die Funde gemacht werden. Die Befunde werden in verschiedene Kategorien unterteilt: Einzelfunde, Gräber, Siedlungen, Horte, Kultstätten, Werkplätze, Verkehrseinrichtungen… Wir graben in Mooswinkel einen sogenannten Siedlungsbefund aus. Und nicht nur das, es handelt sich dabei um eine Seeufersiedlung mit ganz besonderen Erhaltungsbedingungen. Jungsteinzeitliche Siedlungen sind, vor allem im gebirgigen Voralpenland, schwer zu fassen und oft bereits sehr erodiert und verwittert. Bei unserer Seeufersiedlung in Mooswinkel hingegen haben sich unter Wasser noch diverse Reste aus diesem spannenden Kapitel der Menschheitsgeschichte wie in einer Zeitkapsel erhalten. Umso wichtiger ist es, dass wir diese gut dokumentieren, während wir in unserem mittlerweile sieben Quadratmeter großen Schnitt die Reste der versunkenen Pfahlbausiedlung abtragen.

So, und wie geht das nun, dieses Dokumentieren; und wofür ist das eigentlich gut? Für den Aufarbeitungsprozess und den Austausch mit FachkollegInnen, aber auch für alle die sich für diese Fundstelle und Ausgrabung interessieren, ist es wichtig, die ursprünglichen Sachverhalte und den Prozess der Grabungstätigkeiten nachvollziehen zu können, denn nach der Grabung existieren diese ja nicht mehr, sodass man das nicht mehr überprüfen oder nachschauen kann. Darum werden alle archäologisch relevanten Beobachtungen, die wir zu den Befunden machen, von unseren MitarbeiterInnen penibelste genau festgehalten. Unsere TaucherInnen vergeben für jedes Objekt (Fund) und jede Erdschicht in der diese Objekte liegen (Befund) einzelne Nummern und zeichnen alles in einen gesamten Grabungsplan ein. Je tiefer wir beim Graben in die Erde vordringen, umso weiter gehen wir in der Zeit zurück. Da sich die Erdschichten in der Regel in einem bestimmten Zeitraum abgelagert haben und in dieser Zeit die Funde in diese Erdschicht hineingekommen sind, darf es zu keiner Vermischung von Objekten oder Schichten kommen!

Der systematische Abtrag der prähistorischen Schichten wird nicht nur fotografisch und zeichnerisch festgehalten, viel Arbeit steckt vor allem in der Beschreibung des gesamten Kontextes. Hier ist jede Beobachtung wichtig - ob von unserem Grabungsteam unter Wasser oder unserer Fundverwaltung an der Schlämmstation. Wie setzt sich das Sediment, in dem die Funde liegen, zusammen und welches Sediment lag darüber bzw. darunter? Wie verändert sich das Sediment bzw. das Spektrum der darin enthaltenen Funde? Durch das detaillierte Festhalten dieser Umstände können wir uns später der Frage nach der Ursache dieser Veränderungen stellen. Gedanken über die Zusammenhänge macht man sich natürlich bereits während der Grabung und auch nach Feierabend wird gerne mal wild darüber spekuliert.

Doch bei der Dokumentation geht es vorrangig um die detailreiche und nachvollziehbare Aufzeichnung des Fundkomplexes. Die Interpretation des Gesamten kommt später. Nur mit einer guten Dokumentation als Basis können im Prozess der Aufarbeitung größere Zusammenhängen wie Überschwemmungen oder Brandereignisse innerhalb einer Siedlungsphase erfasst oder auch im kleineren Maßstab, Abfallgruben oder Werkplätze innerhalb der Siedlung bestimmt werden.

In diesem Sinne bin ich froh, dass wir uns im Projekt Zeitensprung einig sind, wenn wir uns für diese Arbeit die nötige Zeit nehmen. Immerhin die Ablagerungs- und Erosionsprozesse im Uferbereich sind komplex und die Kulturschicht in Mooswinkel ist fundreich. Und gerade Letzteres ist ja etwas Gutes und Besonderes und lässt nicht umsonst unser ArchäologInnen-Herz immer wieder höher schlagen.

 

Zugehöriges Projekt


Forschungen in den Seeufersiedlungen in Attersee und...

Helena Seidl da Fonseca arbeitet seit 2012 beim Kuratorium Pfahlbauten. Sie ist ausgebildete Forschungstaucherin und Grabungsleiterin im Forschungsprojekt Zeitensprung.

Alle Hölzer - ob stehende Pfähle oder liegende Hölzer - bekommen eine Nummer. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Alle Hölzer - ob stehende Pfähle oder liegende Hölzer - bekommen eine Nummer. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Bevor die Fläche fotografisch dokumentiert werden kann, wird sie sauber geputzt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Bevor die Fläche fotografisch dokumentiert werden kann, wird sie sauber geputzt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Unter Wasser werden ebenso wie bei Landgrabungen Beschreibungen und Skizzen angefertigt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Unter Wasser werden ebenso wie bei Landgrabungen Beschreibungen und Skizzen angefertigt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Funde und Befunde werden unter Wasser fotografiert. Um die Größe am Bild besser nachvollziehen zu können, wird ein Maßstab dazu gelegt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Funde und Befunde werden unter Wasser fotografiert. Um die Größe am Bild besser nachvollziehen zu können, wird ein Maßstab dazu gelegt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Keramik in der Siedlung Mooswinkel, ebenfalls mit Maßstab. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
Keramik in der Siedlung Mooswinkel, ebenfalls mit Maßstab. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
In einem Geoinformationssystem (GIS) werden die Daten zusammengespielt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
In einem Geoinformationssystem (GIS) werden die Daten zusammengespielt. (Bild: OÖLM - Kuratorium Pfahlbauten)
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Das Kuratorium Pfahlbauten wurde im Jahr 2012 von Bund und Ländern ins Leben gerufen, um den österreichischen Teil des internationalen UNESCO-Welterbes „Prehistoric Pile Dwellings around the Alps“ stellvertretend für die Republik Österreich zu betreuen.

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