Mystische Steinhügel aus der Urgeschichte? – Nein neuzeitliche Fischereihilfen!

29. April 2024

Seit Montag, 22. April, sind wir nun schon am Traunsee und untersuchen die Untiefe vor dem Naturschutzgebiet Hollereck. Nach Hinweisen aus der Bevölkerung soll sich hier eine bronzezeitliche Fundstelle befinden. Letzte Woche war das Wetter eher ungnädig wechselhaft mit Schneeregen und eisigen Winden. Ab jetzt erwartet uns aber Sonnenschein!

Und nicht nur an der Wasseroberfläche hält man sich nun wieder gerne auf, auch unter Wasser möchten unsere Forschungstaucher:innen am liebsten so viel Zeit wie möglich an den spannenden Befunden arbeiten. So wie unser Taucher Stefan Krojer, der gleich drei Stunden am Stück mit der „Rakete“, einem Unterwasser-Scooter (DPV der Firma Suex), eine Fläche von fünf Kilometern absuchte.

Mitglieder des Vereins ArcheKult berichteten uns über Steinformationen am Seegrund, auf denen sogar Kinder im Wasser stehen können. Letzte Woche konnte ein solcher Steinhügel ausgemacht werden, um den herum sich in allen vier Himmelsrichtungen weitere große Steinsetzungen befinden. Steine dieser Größe finden sich sonst nirgendwo auf der Untiefe. Sie müssen also intentionell in den See gebracht worden sein. Rund um einen solchen Steinhügel findet sich nun urgeschichtliche Keramik, Pfähle und Flecken von brauner Kulturschicht. Doch gehören die Steine zum urgeschichtlichen Befund?

Am Bodensee und Zugersee finden sich ebenfalls Steinformationen. 170 dieser Hügel mit Durchmessern von 15 bis 30 Metern konnten allein im Schweizer Teil des Bodensees entdeckt werden (Leuzinger 2021). Am Zugersee befinden sich kleinere Strukturen von 2,6 bis 10 Metern Durchmesser. In der Wissenschaft wird noch heute über die Funktion der Steinhügel debattiert, da die Steinformationen durch kein Fundmaterial direkt datiert werden konnten. Umliegende Funde müssen nicht zwangsläufig mit der Steinanhäufung in Verbindung stehen. Neue Forschungen an den Hügeli am Bodensee datieren einen Steinhügel in die Jungsteinzeit. Am 11. Mai gibt es hierzu einen Vortrag im Rahmen der internationalen DEGUWA-Fachtagung.

Auch in Österreich finden sich solche Steinhügel an Seen in Kärnten, beispielsweise am Wörthersee und Ossiacher See, mit Durchmessern von 7 bis 10 Meter. Dabei handelt es sich nicht um geologische Strukturen. Es sind vom Menschen gemachte Steinhaufen, das konnten wissenschaftliche Untersuchungen erfolgreich bestätigen - aber zu welchem Zweck?

Fischer:innen in Kärnten lüfteten das Mysterium für die Kärntner Steinhügel. Sie berichteten, dass noch bis in die 1950er Jahre Steinhügel absichtlich im See aufgeschichtet wurden um Fische anzulocken. Dabei wurden Steine, welche beispielsweise beim Ackern von Feldern zu Tage kamen, auf den zugefrorenen See gebracht. Im Frühling stürzten die Steinaufschichtungen in den See und bildeten Hügel an denen sich die Fische gerne „reiben“. Seelauben nutzen die Steine zum Ablaichen, was wiederum Welse anlockte. Da Fische neue Steine den bewachsenen vorzogen, wurden regelmäßig „frische“ Steine aufgeschüttet, was zu immer größeren Steinhaufen führte. Das Fazit: „Die bisher im Wörthersee lokalisierten 60 und die 93 Steinhügel im Ossiacher See sind mit Sicherheit als Fischereihilfen einzustufen.“ (Jernej 2023, 237).

Auch in Oberösterreich ist dieses Lockmittel unter Fischer:innen bekannt. So finden sich nicht nur auf der Flachwasserzone vor dem Hollereck bei Altmünster am Traunsee, sondern auch in Seewalchen am Attersee Steinhügel im See. Jener auf der Untiefe im Traunsee hat einen Durchmesser von 3,5 Metern und kann mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls dem neuzeitlichen Fischfang zugeordnet werden. Die vier Steine um den Haufen herum waren vielleicht mit Bojen markiert und dienten den Fischer:innen als Orientierung.

Jedoch wurden die Steine im Traunsee unwissentlich auf einer urgeschichtlichen Fundstelle errichtet. Bei unseren Oberflächenaufnahmen entdecken wir Hinweise auf eine Pfahlbausiedlung – doch mehr dazu folgt im morgigen Blogbeitrag.

Literatur:

Renate Jernej, Steinhügel im Wörthersee und Ossiacher See. Steinschüttungen in Flachwasserzonen als Fischereihilfen; In: Archaeologia Austriaca, Band 107/2023, 223-240.

Leuzinger U., Anselmetti F., Benguerel S., Degel C., Ehmann H., Gilliard F., Hipp R., Hornung J., Keiser T., Müller E., Muigg B., Nigg V., Perler D., Schnyder M., Sturm M., Szidat S., Tegel W., Wessels M., Brem H., „Hügeli“ im Bodensee -Rätselhafte Steinschüttungen in der Flachwasserzone zwischen Romanshorn und Altnau, Kanton Thurgau (Schweiz); In: Jahrbuch Archäologie Schweiz 104, 2021, 101-116.

Zugehöriges Projekt

Die Region um den Traunsee in Oberösterreich zeigt großes...

Helena Seidl da Fonseca arbeitet seit 2012 beim Kuratorium Pfahlbauten. Sie ist ausgebildete Forschungstaucherin und Grabungsleiterin im Forschungsprojekt Zeitensprung.

Die Fundstelle wird mit unserem Forschungsboot angefahren.
Die Fundstelle wird mit unserem Forschungsboot angefahren.
Forschungstaucher Stefan Krojer unterwegs mit der „Rakete“, einem Unterwasser-Scooter (DPV der Firma Suex).
Forschungstaucher Stefan Krojer unterwegs mit der „Rakete“, einem Unterwasser-Scooter (DPV der Firma Suex).
Ein Steinhügel im Traunsee, auf der Untiefe vor dem Naturschutzgebiet Hollereck.
Ein Steinhügel im Traunsee, auf der Untiefe vor dem Naturschutzgebiet Hollereck.
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