Sisyphos und die Schlämmstation - Zeitensprung 2023

22. November 2023

Im Rahmen des Projektes „Zeitensprung“ des Kuratorium Pfahlbauten und der OÖ Landes-Kultur GmbH durfte ich vom 30.10.-10.11.2023 ein Praktikum an der Schlämmstation absolvieren. Ich bin Studentin für Urgeschichte und historische Archäologie an der Universität Wien im 5. Semester und es war eine große Freude, dass ich die Praktikumsstelle erhalten habe, da ich gerne erfahren wollte, wie eine unterwasserarchäologische Grabung und die damit verbundene Konservierung von Feuchtbodenmaterialien funktioniert. Lisa Holler, die bereits bei mehreren Kampagnen mitwirkte, übernahm meine Einschulung und konnte mir viele Tipps und Tricks beibringen, um effizient und genau zu arbeiten. Meine Aufgaben lagen in der Durchsicht des Sediments, welches die Forschungstaucher:innen von der Fundstelle unter Wasser an Land brachten und der zugehörigen Fundverwaltung.

Am ersten Tag meines Praktikums konnten wir nach dem Aufbau unserer Schlämmstation bereits mit den Arbeiten beginnen. Mit Gartenschlauch und großem Sieb ausgestattet begann die Feinarbeit. Die Taucher:innen hatten bereits in der Vorwoche einiges an Schlämmsäcken für uns vorbereitet, sodass wir sofort starten konnten. Bei der Unterwassergrabung wurde in einem Grabungsschnitt im See bei Abtsdorf am Attersee rund um eine eisenzeitliche Holzkonstruktion umgebendes Sediment abgesaugt. Das Aushubmaterial wurde in feinmaschigen Säcken aufgefangen und an Land gebracht. Diese Säcke haben wir dann portionsweise in unser Sieb geleert und mit Wasser durchgeschlämmt. Dabei konnten wir verschiedene Fundkategorien feststellen. Die Funde wurden, teilweise mit Pinzetten, aus dem Sediment entnommen und in Funddöschen nach Material separiert. Entnommen wurden zu Beginn biologische Makroreste (z.B. Samen, Zapfen, Nüsse, Schilf und Blätter), Holz, Holzkohle, Keramikfragmente, auffällige Steine/Silexe, Mollusken (Muscheln und Schnecken) und sonstige auffällige bzw. ungewöhnliche Inhalte. Die Herauslese jeden noch so kleinen Materials ist bei prähistorischen Kulturschichten von Notwendigkeit, um das gesamte Fundspektrum aufzuzeigen. Jede kleine Kalksteinperle, kann hier die Grundlage für eine wissenschaftliche Arbeit sein, wie mir Lisa berichtete. Ihre Bachelor-Arbeit drehte sich nämlich um die Kalksteinperlen aus den jungsteinzeitlichen Siedlungen Seewalchen I und Weyregg II am Attersee, die bei den Grabungen 2015-2017 im Projekt Zeitensprung herauskamen. In diesem Fall war aus dem Fundkontext bekannt, dass jedes Fundstück in die Urgeschichte datiert. Nachdem unser Aushubmaterial jedoch größtenteils vom Abtrag des obersten Seebodens bestand, das mit rezentem Material stark verunreinigt ist, haben wir unsere Vorgehensweise etwas angepasst und die organischen Makroreste und Mollusken nicht mehr aus dem Sediment entnommen. Wir haben uns nach ca. 3 Tagen darauf geeinigt, wirklich „nur“ mehr nach Artefakten zu suchen, denn eine feinere Auslese kostet viel Zeit und machte in diesem Fall keinen Sinn. Das ausgeschlämmte Material haben wir danach wieder in Säcke gefüllt, um sie am Ende der Grabung wieder an den Ausgrabungsschnitt zurückzubringen. Die geöffneten Schnitte unter Wasser werden mit einer Basaltmatte abgedeckt und mit dem Aushubmaterial wieder verfüllt.

So viel zur grundsätzlichen Vorgehensweise… aber was ist denn nun auf unserem Sieb gelandet?

Ich darf stolz berichten, dass in meinem Sieb ein besonderes Holzstück aufgetaucht ist. Es handelt sich um ein ca. 10 cm langes, ca. 3 cm breites Stück Holz, dass an beiden Seiten abgerundet ist und jeweils eine Lochung aufweist. Bald war klar, das ist ein Netzschwimmer, der Fischnetze an der Oberfläche treiben lässt, während sie an der Unterseite mit Netzsenkern oder Steinen beschwert werden. Solche Netzschwimmer sind uns bereits aus dem Neolithikum bekannt, allerdings auch bis ins Mittelalter. Da der Fund direkt aus dem oberflächlichen Sediment stammt, das auch Stücke von Plastikplanen, Bleikügelchen, Glasscherben und dergleichen beinhaltete, kann eine Datierung aus dem Schichtkontext nicht angestellt werden. Dennoch wäre eine Datierung von unserem Fund ein Wunsch des Teams. Dafür müsste jedoch ein Stück aus dem Objekt herausgeschnitten werden, um eine Radiokarbondatierung im Labor vornehmen zu können. Ob eine Probenentnahme möglich ist, ohne dabei das Objekt zu sehr zu beschädigen, muss erst noch mit den Konservatorinnen der Oberösterreichischen Landes-Kultur GmbH geklärt werden.  

Einige schöne Keramikfragmente konnten wir auch aus den Sieben fischen. Die Fragmente waren in keinem besonders guten Zustand und im Schnitt nur 1 cm – 7 cm groß. Die Keramikstücke waren alle grob gemagert und bräunlich bis gräulich. Ihre Oberfläche fühlte sich sehr rau an. Besondere Merkmale, welche für eine typologische Einordnung genutzt werden könnten, sind kaum dabei. Ein besonderes Stück mit Handhabe konnten haben wir entdecken, von dem Lisa in ihrem Beitrag berichtete.

Wir konnten sehr viele Holz- und Holzkohleproben entnehmen, welche ebenfalls für Radiokarbondatierungen genutzt werden können. Bei den Hölzern waren einige sehr große Stücke (bis ca. 20 cm) dabei. Zum Teil sind sie an einer Seite verbrannt.

Nachdem ein Sack fertig geschlämmt wurde, ging es weiter mit der Fundverwaltung. Jeder Sack bekam eine eigene fortlaufende Nummer zugeteilt und die einzelnen Fundkategorien wurden in einer Liste erfasst. Dort wurde vermerkt, wie viele Stücke der einzelnen Arten im Sack vorgekommen sind. Zum Beispiel drei Keramikfragmente und 20-30 Stück Holz. Auch eine Beschreibung des Sediments erfolgte. Nach diesem Schema wurde Sack für Sack digital erfasst und danach die Funde zum Trocknen in Kisten gestapelt. Alle Fundkategorien wurden auf Papier aufgelegt, außer Holz und andere sensible organische Materialen. Diese Funde werden in luftdicht verschlossenen Behältnissen im Wasser aufbewahrt, da eine Trocknung an der Luft sie beschädigen könnte. Diese Objekte werden von den Konservatorinnen in Leonding behandelt. Am Ende der Grabung haben wir alle getrockneten Funde in einzelne Fundsäckchen gesteckt und alles für den Abtransport nach Leonding vorbereitet, wo die Funde von den Mitarbeiter:innen der Oberösterreichischen Landes-Kultur GmbH weiterbehandelt werden.

Insgesamt kann ich sagen, dass ich sehr viel Neues gesehen und gelernt habe. Es hat mir viel Spaß gemacht mit Lisa gemeinsam nach spannenden Entdeckungen zu suchen. Auch wenn es sich bei dem von mir geschlämmten Material um keine in-situ Kulturschichten gehandelt hat und wir größtenteils „nur“ das Decksediment durchsucht haben, konnten wir doch einiges an möglicherweise urgeschichtlichem Material sicherstellen. Einige Besucher:innen, die bei unserer Schlämmstation vorbei geschaut haben, haben unsere Arbeit mit der von Sisyphos verglichen. Die Aussichtslosigkeit des Griechen habe ich allerdings nie empfunden, im Gegenteil. Es war sehr spannend, an diesem Projekt mitzuarbeiten, und oft sind es die kleinen Dinge, die dann etwas Licht ins Dunkel bringen und zu einer neuen Erkenntnis führen können.

Bianca Gamsjäger ist Studentin an der Universität Wien am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie.

Die Schlämmstation im Union Yacht Club Attersee. Foto: Bianca Gamsjäger
Die Arbeit an der Schlämmstation. Foto: Bianca Gamsjäger
Der Netzschwimmer aus Holz. Foto: Bianca Gamsjäger
Trocknungsrack für die Funde. Foto: Bianca Gamsjäger
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