30.03.2020 - 18:00

Einführung und Vorstellung des intera

Jenseits von Palmyra

3. November 2015

Wenn hunderte unbegleitete Jugendliche nach Europa kommen, dann sollte man sich dringend Gedanken über deren Lebensperspektiven machen. Welche Interessen bringen diese jungen Menschen mit - abgesehen davon, dass sie ein menschenwürdiges Leben haben oder auch einfach nur überleben wollen - und wie kann man sie unterstützen? Das sind junge Menschen, die in ihren Heimatländern vielfach an der Schwelle zu einem Berufsleben oder einem Studium standen. Ein Willkommenheißen und Aufnehmen in unsere Gesellschaft kann nicht nur aus einem Dach über dem Kopf, Verpflegung und Deutschkursen bestehen. Frustration durch Langeweile oder fehlende Wertschätzung können ansonsten schnell zu einer gesellschaftspolitischen Problematik werden.

Trotz der starren Strukturen einer Universität, hat man sich an vielen österreichischen Universitäten deshalb auch Programme für Flüchtlinge überlegt. Auch an der Universität Wien wird diese Herausforderung angenommen. So wurde unter anderem der UniClub Plus des Kinderbüros Uni Wien gegründet. Der UniClub wurde aus den Bedürfnissen der Jugendlichen selbst geboren: sie wünschen sich einen Raum zum Lernen, Lernhilfe und vor allem regelmäßige Treffen mit deutschsprachigen Menschen in einem sicheren, ungezwungenen und offenen Umfeld. Ihre Perspektive ist ein Neubeginn, bei dem sie an ihrem bisherigen Wissen, ihren Erfahrungen, ihren Fertigkeiten und ihrer Neugier anknüpfen können.

Was haben Jugendliche aus Syrien, Afghanistan, Bosnien oder auch Österreich selbst, jetzt aber mit der Archäologie am Hut?

Vor Kurzem konnten der Archäobotaniker Andreas Heiss und ich auf Einladung des Kinderbüros einen ersten Workshop im neuen UniClub Plus abhalten. Für mich stellte sich dabei wieder einmal die Frage, ob es nicht doch wirklichkeitsfern ist, wenn man Jugendlichen, die teilweise aus einem Kriegsgebiet zu uns geflüchtet sind, zu diesem frühen Zeitpunkt Wissenschaft und Bildungschancen näher bringen will. Ist die Annahme, dass es ein Grundbedürfnis nach Wissen und Lernen gibt, richtig? 

Wie auch bei der KinderuniWien geht es aber eben nicht primär um Wissenstransfer. Eher um ein gegenseitiges Lernen. Wir konzipierten die Workshops deshalb weniger als Aktion der Wissensvermittlung, sondern eher als einen interessanten Abend, der zeigt, was man durch Zusammenarbeit in der Wissenschaft erreichen kann und bei dem wir auch an das Lebensumfeld der Jugendlichen anknüpfen konnten. Das Thema Pfahlbauten im 4. Jt. v.Ch. ist dafür bestens geeignet, da durch die gute Erhaltung von organischen Resten unter Wasser eine Fülle an Informationen über die Fauna und Flora in einer Pionierzeit rund um die Alpen vorhanden ist. In einer Zeit, in der in den Heimatländern der meisten der Jugendlichen zivilisatorische Entwicklungen wie Ackerbau und Viehzucht bereits weit vorangeschritten waren und man hierzulande erst lernen musste, wie diese Dinge eigentlich funktionieren. (Siehe dazu auch den Beitrag von Detlef Gronenborn in Archaeologik: Europäische Gesellschaften beruhen auf Migration – ein kurzer Blick in lange Zeiträume)

Der Workshop selbst bestand aus einer grundlegenden, kurzen Einführung in das Thema Pfahlbauforschung und einem praktischen Teil, bei dem Proben aus unserer Grabung in der Pfahlbaustation von Seewalchen am Attersee gemeinsam untersucht wurden. 

Nachdem klar war, dass viele der Jugendlichen erst ein Basiswissen der deutschen Sprache haben, bekamen wir die Unterstützung durch einen Studenten, der uns als Dolmetsch zur Seite stand. Damit sind natürlich auch dauernde Unterbrechungen im Dialog verbunden und ich war beeindruckt, wie sehr die Jugendlichen trotzdem bei der Sache blieben. Die Freude und die Neugier auf ein vollkommen unbekanntes Thema war unglaublich groß und ich bin froh, dass wir diese optimistischen und offenen jungen Menschen mit so unterschiedlicher Herkunft kennenlernen durften.

Ach ja, um die Archäologie nicht gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen: anhand der Bodenproben wurden die Zusammenhänge zwischen Umwelt- und Menschheitsgeschichte diskutiert. So wurde beispielsweise bereits in einer Voruntersuchung ein Samenkorn des Schlafmohns (Papaver somniferum) in den Siedlungsresten von Seewalchen entdeckt. Das löste natürlich einiges an Diskussionen um die Verwendung von Mohn durch die Menschen aus und interessanterweise wären die Jugendlichen gar nicht auf die Idee gekommen, dass man Mohn auch für die Gewinnung von Öl verwenden könnte...

Cyril Dworsky ist der Geschäftsführer des Kuratoriums Pfahlbauten, dem nationalen Management des UNESCO-Welterbes "Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen".

Einführung in den Workshop   (Bild: Kuratorium Pfahlbauten)
Einführung in den Workshop (Bild: Kuratorium Pfahlbauten)
Andreas Heiss spricht über die frühe Verbreitung von Kulturpflanzen. (Bild: Kuratorium Pfahlbauten)
Andreas Heiss spricht über die frühe Verbreitung von Kulturpflanzen. (Bild: Kuratorium Pfahlbauten)
Betrachtung von Probenmaterial aus der Pfahlbausiedlung Seewalchen I (Bild: Kuratorium Pfahlbauten)
Betrachtung von Probenmaterial aus der Pfahlbausiedlung Seewalchen I (Bild: Kuratorium Pfahlbauten)
Auslesen des Materials unter dem Mikroskop (Bild: Kuratorium Pfahlbauten)
Auslesen des Materials unter dem Mikroskop (Bild: Kuratorium Pfahlbauten)
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Das Kuratorium Pfahlbauten wurde im Jahr 2012 von Bund und Ländern ins Leben gerufen, um den österreichischen Teil des internationalen UNESCO-Welterbes „Prehistoric Pile Dwellings around the Alps“ stellvertretend für die Republik Österreich zu betreuen.

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