Badespaß und Sommerfrische bei den Pfahlbauten

13. August 2021

Erst vor wenigen Tagen hat das UNESCO-Welterbekomitee mehrere berühmte Bade- und Kurorte unter dem Titel „Great Spas of Europe“ in die seit 1972 geführte Liste von Stätten, Orten und Naturdenkmälern mit einem „außergewöhnlichen universellen Wert“ aufgenommen. Insgesamt bekamen so gleich elf Orte einen Welterbestatus zugesprochen, darunter Spa in Belgien; Františkovy Lázně, Karlovy Vary, Mariánské Lázně (alle in Tschechien), Vichy in Frankreich, Bad Ems, Bad Kissingen, Baden-Baden (alle in Deutschland), Montecatini (Terme in Italien) sowie die City of Bath in Großbritannien. Erfreulicherweise bekam auch Baden bei Wien diese besondere Auszeichnung verliehen. An dieser Stelle sei der Stadt Baden und den Personen hinter der Bewerbung gratuliert – willkommen in der UNESCO-Familie!

Alleine an der Aufzählung der Orte kann man erkennen, dass Bade- und Kurorte eine gesamteuropäische Erscheinung sind und bereits seit Jahrhunderten eine gewisse Tradition besitzen. Was haben aber nun Bade- und Kurorte mit den Pfahlbauten gemeinsam? Nun, zum einem fallen die Blütezeit der Bäderkultur und die Zeit der Entdeckung von Pfahlbauten zusammen (2. Hälfte 19. Jahrhundert). Und zum anderen waren gerade durch die Beliebtheit und Bekanntheit von Badeanstalten sowie die Suche nach Sommerfrische und Erholung dabei hilfreich, die Vorstellung von Menschen, die auf Häusern auf Pfählen an Alpengewässern oder sogar im Wasser lebten, dem Menschen des 19. Jahrhunderts etwas näher zu bringen. So wurden die neu entdeckten Pfahlbauten als „merkwürdige vorzeitliche Denkmale“ [1] rasch zu einem touristischen Anziehungspunkt für in- und ausländische Gäste im Sommer.

Ein besonderes Erlebnis dürfte der Besuch einer Pfahlbau-Ausgrabung beim gelernten Landwirt und „Antiquar“ Jakob Messikomer im Robenhausener Ried am Pfäffikersee (in der Schweiz) gewesen sein. Der Präsident der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich und einer der ersten Pfahlbauforscher, Ferdinand Keller, machte für den Besuch bei Messikomer Werbung über Flugblätter und vermittelte Käufer für Pfahlbaufunde. Jakob Messikomer wiederum lieferte Teile der Funde an die Antiquarische Gesellschaft ab und finanzierte durch Besucher und den Handel mit Pfahlbau-Überresten seine weiteren Ausgrabungen [2]. Personen, welche die Ausgrabung besuchten, schrieben über ihre Erfahrungen und motivierten so neue Interessierte, die Pfahlbauten zu besuchen.

So unter anderem Oscar Peschel, welcher 1866 empfahl, die berühmten Pfahlbauten und den dazugehörigen Ausflug nicht zu versäumen, welcher von Zürich nur „einen halben Nachmittag“ kostet. Nach der Anreise mit der Eisenbahn nach Wetzikon, wo es ein „vortreffliches neues Wirtshaus“ gab, marschierte man über „Wiesenland und glorreiche Obstreviere“ zum Haus von Jakob Messikomer, welcher einem die Pfahlbauten persönlich zeigte und eine Grabungsprobe ablieferte. Dabei beschwerte sich Messikomer bei Peschel, dass die Besucher*innen von Illustrationen der Pfahlbauten angetrieben seien und vor Ort deshalb von diesen enttäuscht wären: „Die Dörfer selbst, meinen die Neugierigen, seyen sichtbar. Sie erwarten die Hütten noch mehr oder weniger aufrecht stehen zu sehen wie sie in den Illustrierten Blättern gezeigt werden.“ [3]

Auch in Österreich wurden Pfahlbauten relativ bald - neben einer identitätsstiftenden regionalen Verwendung - für Tourismuszwecke benutzt. So findet sich der Hinweis auf Pfahlbauten als Sehenswürdigkeit auch im Fahrplan des Verbandes der Dampfschifffahrt-Unternehmungen im Salzkammergut von 1896. Darin ist über den Ort See am Mondsee zu lesen: „2 Gasthäuser, Fremdenzimmer, mehrere Villen, Waldspaziergänge, Seebäder, angenehmer und ruhiger Aufenthalt. Zwischen Bad- und Forsthaus 2-4m tief am Seegrunde Tausende von Pfählen, Reste der Pfahlbauten, geschätztes Alter 3000 Jahre, ausgebaggerte Fundgegenstände in den Museen von Salzburg und Wien.“ [4]

Die Verbindung von Sommerfrische, Badevergnügen, Kultur und Altertümern passte hervorragend in die Vorstellungen der bürgerlichen Schichten, wie man gebührend seinen Sommer zur Erholung verbringen kann. Das ging auch so weit, dass der Historiker und Schriftsteller Peter Paul von Radics in einer parodistischen Schrift 1881 die prähistorischen Pfahlbauten in die Balneologie (also die Lehre von der therapeutischen Anwendung und Heilwirkung des Wassers, Schlamms etc.) einführte. In seinen Studien über „heilbringende“ Quellen und Bäder der Alpenseen, welches sich vor allem an die gehobenen Damen richtete, postulierte er, dass „der edle Mensch, er liebt die Cultur, er liebt den Schmuck, er liebt vor Allem das Bad und das Badeleben.“

Demnach wären die Erbauer der Pfahlbauten keine Bauern, sondern „edle Leute“, denn bei Pfahlbauern war das ganze Leben ein Badeleben. Die Pfahlbauten können dem Balneologen als Vorbild dienen, denn die „Villen“ der Pfahlbauern standen mitten am Wasser und die „Badekolonie“ war nur über eine hölzerne Brücke zu erreichen. Der „Pfahlsportsman“ betrieb Jagd und schenkte den Damen Haarspangen aus Geweihknochen, welches das „gefeierte Goldhaar der Badeschönen“ zusammenhielt. Die Freizeit nutzten die Pfahlbauern für „Wasserfahrten“, bei denen der Einbaum als „kostbarste Yacht“ erschien. Und nicht zuletzt, wurde in der Badekultur der Pfahlbauten auch Gesang gepflegt, denn mit Klappertöpfen und Schellen schallte ein gemischter Chor über den Badeort. [5]

140 Jahre später kann man nun wieder Alpenseen, (historische) Badeanstalten, Kurorte und prähistorische Pfahlbauten gemeinsam bei einer UNESCO Sommerfrische-Tour durch Österreich genießen, was in der pandemiebedingten Zeit Balsam für Körper und Seele ist. Das Kuratorium Pfahlbauten wünscht daher noch einen erholsamen Sommer und freut sich schon auf die Herbstkampagne in Mooswinkel 2021.

Literatur:
[1] Ludwig Lindenschmit, Ueber die neueste Pfahlbautenliteratur. Archiv für Anthropologie 3 (1866), S. 361-374.
[2] Kurt R. Altorfer, Pfahlbautourismus und Pfahlbauentdeckungen im Ausland. In: Antiquarische Gesellschaft in Zürich (Hg.), Pfahlbaufieber. Von Antiquaren, Pfahlbaufischern, Altertümerhändlern und Pfahlbaumythen. Beiträge zu „150 Jahre Pfahlbauforschung in der Schweiz“, Zürich 2004, S. 91-101.
[3] Oscar Peschel, Ein Spaziergang nach den Pfahlbauten bei Robenhausen. Das Ausland. Überschau der neuesten Forschungen auf dem Gebiete der Natur-, Erd- und Völkerkunde, 39. Jg., Nr. 29, 17. Juli 1866, 675-677.
[4] Salzkammergut-Seen. Fahrplan des Verbandes der Dampfschifffahrt-Unternehmungen auf dem Attersee, Mondsee, Wolfgangsee (Abersee), Traunsee, Hallstättersee und Grundlsee mit Auszügen der Fahr-Ordnungen der Salzkammergutbahn, der Linie Vöcklabruck-Kammer, der Salzkammergut-Localbahn, der Zahnradbahn auf den Schafberg und der directen Omnibus-Verbindungen, Wien 1896, S. 44.
[5] Peter Paul von Radics, Badeleben der Pfahlbauern. Eine Humoreske zum Laibacher Anthropologentage 1879. In: Ders., Quellenstudien. Alte und neue Culturbilder von Österreichs Alpenbädern und Alpenseen, Wien 1881, S. 155-160.

Florian Ostrowski studierte Geschichte sowie Urgeschichte und Historische Archäologie an der Universität Wien.

Illustration eines Pfahlbauerndorfes am Traunsee -Ferdinand Krackowizer, Geschichte der Stadt Gmunden in Ober Oesterreich (1899)
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