Kuratorium Pfahlbauten - Burgring 7, 1010 Wien
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Backstage im NHM Wien - FFG Talentepraktikum 2022

15. Juli 2022

Bevor wir uns in unseren spannenden Bericht stürzen, sollte erwähnt werden, dass unser Team inzwischen größer geworden ist. Wir haben Verstärkung von drei Mädchen (Laura, Aurora und Sabrina) aus der HTL Spengergasse und einem Jungen (Michael) aus dem BRG Traun bekommen. Laura, Aurora und Sabrina sind als Animateurinnen angestellt und animieren einige derzeit noch geheime Bilder für unser Projekt. Michael erweitert unser Rechercheteam.

Als Praktikant:innen am Naturhistorischen Museum hat man viel mit Recherchearbeit zu tun. Aber das heißt keineswegs, dass wir rund um die Uhr in einem Büroraum eingesperrt sind. In unserem Zeitplan ist fast mehr Spezialprogramm als eigentliche Schreibtischarbeit vorgesehen. Unter anderem hatten wir nicht nur eine kleine Führung durch das Museum, sondern wurden auch in die Geheimnisse des Tiefspeichers eingeweiht, wo alle möglichen Ausstellungsobjekte sicher hinter Brandschutztüren verwahrt werden.

Die Geschichte von geliebten Sammlungsstücken, wertvollem Gold und mystischen Figurinen 

Wir gingen durch einen Nebengang in den Eingangsbereich des Museums. Wir hatten schon ganz vergessen, dass es ja auch den Museumshaupteingang gibt und nicht nur den, für den wir unsere coolen Dauerpassierscheine haben.

Jede:r Besucher:in die/der durch den Haupteingang kommt und die Stiegen gerade hinaufgeht sieht das große Gemälde, das über der ersten Treppe genau in der Mitte des Museums hängt und vor dem wir nun standen. Die Gegenstände, mit denen Kaiser Franz I. Stephan von Lothringen, der Gemahl Maria Theresias, sich hat abbilden lassen, sind nicht verschwunden oder liegen verstaubt irgendwo herum. Nein, sie sind für alle Besucher:innen genau vor dem Bild ausgestellt. Sogar Maria Theresias ausgestopfter Schoßhund liegt da in einer Vitrine, als würde er auf sein Frauchen warten. Warum ist uns das nie aufgefallen? Von dort aus gingen wir eine kleine Runde durch verschiedene Räume. Die Goldkammer, einer der wenigen Räume mit Tresorvitrinen, in denen die Goldfunde aus der Urgeschichte ausgestellt sind. Wir passierten die Steinzeitabteilung mit den ältesten Fundstücken des Museums und statteten der berühmten Venus von Willendorf einen kleinen Besuch ab.

An dieser Stelle, ein kleiner Fun-Fact: Anders als man es vielleicht erwarten würde sind nicht das Gold oder die Edelsteine das Wertvollste im Museum, sondern die Venus. Sie ist das am besten versicherte Objekt des ganzen Museums. Aber wir unterstützen natürlich keine kriminellen Aktivitäten!

Nach dieser kleinen Exkursion durften wir noch einen Blick in die Inventarbücher werfen, in denen Objekte des Museums verzeichnet sind. Diese Bücher sind nicht nur richtig alt (über 100 Jahre) und wichtig, sondern enthalten unglaublich schöne, praktisch unlesbare Schrift. Unsere Lehrpersonen in der Schule können sich im Vergleich dazu mit uns glücklich schätzen…

Was für ein Scherbenhaufen

Nach der Mittagspause gingen wir in die Keramikrestaurierung, wo uns die Konservatorin Gergana Almstädter über ihren Beruf erzählte. Sie arbeitet vor allem mit Keramikresten aus dem eisenzeitlichen Gräberfeld des Salzbergwerks in Hallstatt. Das Zusammensetzen von alten Gefäßen ist im Grunde wie 3D-puzzeln. Karina Grömer, die Abteilungsdirektorin der Prähistorie im Museum, erklärte es uns anhand eines erfundenen Beispiels:

Man stelle sich die Küche der eigenen Großeltern vor. Nun stelle man sich vor, dass man den gesamten Inhalt der Schränke ausräumt, in kleine Stückchen hackt, gut durchmischt und zwei Drittel davon wegwerfe. Aus dem Rest solle man nun versuchen, den ursprünglichen Küchenbestand wiederherzustellen. So geht es Frau Almstädter bei ihrer Arbeit. Die meisten Keramiken sind alles andere als vollständig und müssen mit Gips ergänzt werden. Dieser wird schwarz eingefärbt, damit die Betrachter:innen zuerst die originalen Gefäßfragmente und nicht die strahlend weißen Ausbesserungsstellen wahrnehmen.

Das Vervollständigen eines Gefäßes geht aber nur, wenn das Profil einer Scherbe, also ein durchgehendes Stück vom Boden bis zum Rand erhalten ist. Ansonsten ist nicht eindeutig bestimmbar, wie das Gefäß insgesamt ausgesehen hat. Karina hielt eine Vase hoch: „Kann das noch was werden?“ „Nein“, sagte Gergana, „Die hat keinen Boden, das ist eine bodenlose Frechheit.“

Früher ist man bei Keramikrestaurierung oft anders vorgegangen. Es ging eher darum, dass am Ende schöne Stücke zum Präsentieren da waren, als dass man etwas über das frühere Leben herausfinden wollte.  Gefäße sind nicht nur falsch zusammengesetzt worden, sondern manchmal sogar ganz neu bemalt, so dass jetzt nicht mehr nachvollziehbar ist, welche Teile zum Original gehören. Manchmal hätten die früheren Restaurator:innen auch „fantasiert und aus drei Gefäßen eins gemacht“.

Kalt, kälter, Tiefspeicher

Als nächstes ging es hinunter in die Kellerräume zum Tiefspeicher. Hier werden die archäologischen Objekte, die nicht ausgestellt sind, unter idealen Bedingungen gelagert. Der Raum ist dunkel und hat ca. kalte 10°C Raumtemperatur. Gut, dass wir uns Westen und Jacken mitgenommen haben. Heute hat es nämlich sommerliche 25-30°C und in unseren Sommersachen hätten wir im Tiefspeicher nicht lange ausgehalten. Immer wieder bekommt das Museum die Frage gestellt, wie viele Objekte es denn eigentlich genau besitzt. „Wir haben eigentlich keine Ahnung wie viele Objekte wir genau haben“, ist Karinas Antwort darauf. Es ist die Frage wie gezählt wird. Jeden einzelnen steinzeitlichen Steinabschlag, jede urgeschichtliche Keramikscherbe oder Kalksteinperle, etc. auszuzählen ist wenig sinnvoll. Mittlerweile werden bestimmte Materialgruppen nur noch gewogen und geschätzt. Wahrscheinlich beherbergt das NHM Wien um die 30-50 Millionen Stücke. Aber, wenn sich jemand freiwillig meldet, stehen auch in der Geologischen Abteilung genug Kisten voller versteinerter Haifischzähne herum, die sich darauf freuen, gezählt zu werden.

Die Inventarräume im Depot der Prähistorischen Abteilung sind voller Regale und Kästen, die mit einem Drehmechanismus auseinandergeschoben werden können. Dort finden sich haufenweise prähistorische Schätze. Für uns beide war es besonders spannend, die Gegenstände, über die wir die ganze letzte Woche recherchiert haben in echt zu sehen und teilweise sogar in der Hand halten zu dürfen. Wir verbrachten mehr als eine Stunde dort und wären bestimmt auch noch länger geblieben, aber vielleicht ergibt sich ja nochmal die Möglichkeit, hinunterzugehen.

Hoffentlich haben wir niemanden dort unten vergessen, aber zumindest wäre er/sie dann ein interessanter- und dank der Klimaanlage gut erhaltener- Fund für die Mitarbeiter:innen einer nächsten Generation.

Mia Schwarcz, 16, kommt im nächsten Schuljahr 2022/23 in die achte Klasse des Gymnasiums und Realgymnasiums Stubenbas

Zora Mund, 17, kommt im nächsten Schuljahr 2022/23 in die achte Klasse des Gymnasiums und Realgymnasiums Stubenbastei

Nur die Brandschutztüren trennen uns noch vom Tiefspeicher und seinen Schätzen.
Alte Textilfunde - Wer errät, welche Kleidungsstücke das mal waren?
Vom spannenden Anblick des prähistorischen Waldbodens gefesselt.
Umgeben von steinzeitlichen Funden.
Jetzt ist unser Praktikant:innenteam schon fast vollständig.
Der Arbeitsplatz von Konservatorin Gergana Almstädter im NHM Wien.
Hier besser nicht unabsichtlich ankommen...!
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