Schachteln mit Material Mooswinkel
Tim Langnitschke

Blog

Archäozoologie – eine tierische Detektivarbeit

Forschung
Wien

Im zweiten Teil ihres Blogbeitrags zeigen Konstantina Saliari und Tim Langnitschke vom NHM, welche spannenden Geschichten sich aus Tierknochen rekonstruieren lassen.

Archäozoolog:innen des Naturhistorischen Museums Wien auf Spurensuche an den Tierknochen der Pfahlbauzeit

Wenn Knochen sprechen

Letztes Mal haben wir über die Methoden zur Bestimmung von Tierknochen gesprochen, heute berichten wir darüber, was wir im Anschluss mit den Informationen machen. Also, was die Archäozoologische Forschung über die Tierartbestimmung hinaus leistet und was für Geschichten über die Vergangenheit enthüllen werden können - und das ist ganz schön spannend!

Nach der Tierartbestimmung erfolgt eine ausführliche Untersuchung und Dokumentation des bestimmten Materials. Dabei halten wir fest wie viele Knochen von welchen Tierarten wir identifiziert haben und vermessen gut erhaltenes Material. Die Messwerte und ihre statistischen Bearbeitungen sind sehr wichtig, um die Entwicklung von Arten und sogar von Populationen innerhalb einer Art zu dokumentieren. So können wir unter anderem überprüfen, ob Arten in einer bestimmten Region oder über einen bestimmten Zeitraum größer oder kleiner geworden sind. 

Das neolithische Schwein beispielsweise ist sehr klein und wirkt im Vergleich zum damaligen Wildschwein regelrecht verkümmert. Die Schweineknochen aus den spätneolithischen/kupferzeitlichen Pfahlbausiedlungen werden jedoch wieder größer. Dafür kommen mehrere Erklärungen in Frage. Zum einen können Schweinepopulationen mit größeren Tieren aus dem Norden in diese Region gelangt sein. 

Eine weitere mögliche Erklärung wäre, dass es zu Kreuzungen zwischen dem eingebrachten neolithischen Hausschwein und dem einheimischen Wildschwein kam. Ob solche Kreuzungen bewusst herbeigeführt wurden, wie es heute in Zuchtprogrammen der Fall ist, ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher wäre, dass solche Vermischungen eher zufällig stattfanden. Dennoch könnten sie Hinweise auf die Art der damaligen Tierhaltung liefern.

Wir nehmen an, dass die Tiere im Sommer außerhalb der Siedlungen gehütet wurden. Unter solchen Bedingungen hätte der ein oder andere Eber möglicherweise seinen Weg zu den weiblichen Hausschweinen gefunden bzw. eine Sau hätte ein romantisches Abenteuer mit einem Wildschwein gehabt.

Weitere Informationen gibt uns die Bestimmung des Alters und des Geschlechts der Tiere. Das Alter lässt sich dabei sehr gut an den Langknochen oder aber an dem Abnutzungsgrad der Zähne erkennen, unabhängig von der Art. Die Geschlechtsbestimmung ist wiederum sehr artspezifisch, unterscheidet sich also von Art zu Art. Dabei können wir nicht nur weibliche und männliche Individuen identifizieren, sondern unter anderem bei Rindern auch kastrierte Tiere ausmachen. Mit der Alters- und Geschlechtsbestimmung ermitteln wir so wertvolle Rückschlüsse auf die Nutzung der Tiere. Zum Beispiel ist eine hohe Anzahl an älteren Kühen bei Rindern ein Hinweis auf Milchproduktion, während ein hoher Anteil an älteren Kastraten auf Arbeitstiere schließen lässt. 

Für das Material aus Mooswinkel steht dieser Schritt derzeit noch aus. Die Alters- und Geschlechtsbestimmung der Rinderknochen werden wir erst im Zuge der weiteren Bearbeitung durchführen. Umso spannender wird es sein zu sehen, welche Hinweise die Knochen schließlich auf die Nutzung der Tiere geben.

Der nächste Schritt ist die Dokumentation von unterschiedlichen Modifikationen. Dabei schauen wir, ob es Anzeichen von Schlachtspuren, Feuereinwirkungen, Gebissspuren und unterschiedlichen pathologischen Erscheinungen an den Knochen gibt. Mit diesen erhobenen Daten können wir die Lebens- und Wirtschaftsweise der damaligen Menschen rekonstruieren. 

So weist eine urbane Siedlung beispielsweise andere tierische Merkmale auf als eine Ritusstätte, eine Bergbausiedlung, eine Burg oder ein Kloster. Bei den Pfahlbausiedlungen am Mondsee fällt besonders die große Anzahl an Gamsknochen auf. Das deutet darauf hin, dass die Bewohner trotz ihrer Sesshaftigkeit noch viel gejagt haben. Offenbar waren sie geschickte Jäger, denn Gämsen zählen zu den eher schwer zu fangenden Wildtieren.

Gerade diese Unterschiede zwischen Fundstätten machen unsere Arbeit so faszinierend und aufregend. Denn jedes kleine Knochenfragment erzählt seine eigene Geschichte. Unsere Arbeit als Archäozoolog:innen ist wie ein Puzzle: Stück für Stück fügen wir zusammen, wie Mensch und Tier in der Vergangenheit zusammengelebt haben.

Heutzutage ist der Beitrag von archäozoologischen Arbeiten wichtiger denn je. In einer Zeit mit vielen großen Veränderungen, kann uns die Forschung der Vergangenheit zeigen, wie Menschen und Tiere sich an Veränderungen angepasst haben. 

Schachteln mit Material Mooswinkel
Tim Langnitschke

Schachteln mit dem Fundmaterial aus Mooswinkel

Knochenmaterial aus Mooswinkel
Tim Langnitschke

Knochenmaterial aus Mosswinkel 

Vermessung Metacarpus vom Rind
Tim Langnitschke

Vermessung Metacarpus vom Rind

Vermessung Metacarpus Rind
Tim Langnitschke

Vermsessung vom Metacrpus Rind