Archäozoologie – eine tierische Detektivarbeit
Die Archäozoolog:innen Konstantina Saliari und Tim Langnitschke berichten in einem zweiteiligen Blogbeitrag von der Spurensuche an den Tierknochen aus der Pfahlbauzeit.
Archäozoologie – eine tierische Detektivarbeit
Archäologie ist vielen Menschen ein Begriff. Doch was ist eigentlich Archäozoologie und womit beschäftigen wir uns als Archäozoolog:innen? Unsere Arbeit beginnt dort, wo andere nur unscheinbare Knochensplitter sehen, und eröffnet neue Einblicke in vergangene Lebenswelten.
Wir, das bin ich, Tim Langnitschke und meine Kollegin Konstantina Saliari, identifizieren und untersuchen als Archäozoolog:innen im NHM Wien das tierische Material aus der 6000 Jahre alten Fundstelle Mooswinkel am Mondsee (Oberösterreich). Bei dem tierischen Material handelt es sich häufig um Knochen, aber auch um Zähne, Hörner oder Geweihe. Die Schwierigkeit unserer Arbeit besteht darin, dass viele der tierischen Überreste, die wir untersuchen, nicht immer vollständig und nur noch teilweise oder als kleine Splitter vorhanden sind.
Zusätzlich können diese kleinen Splitter pathologische Veränderungen aufweisen, häufig knöcherne Wucherungen, die durch Krankheiten oder starke Belastung entstehen. Oder sie wurden durch verschiedene biologische, chemische und physikalische Prozesse, zum Beispiel Verwitterung, chemische Einflüsse im Boden, Nagespuren von Tieren, äußerlich beeinflusst. Anhand dieser kleinen Knochenteile versuchen wir nun herauszufinden, zu welchem Knochen das zu identifizierende Stück gehört. Handelt es sich dabei um ein Teil des Schädels? Oder um ein Stück des Oberarmes?
Als wäre das nicht schon schwierig genug, liegt unsere Aufgabe auch darin herauszufinden, welcher Tierart dieses Stück zuzuordnen ist. Dabei handelt es sich überwiegend um Haus- und Nutztiere, wie Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Hunde - so auch bei den Funden aus der Fundstelle Mooswinkel. Aber auch Knochenreste von Wildtieren lassen sich unter dem tierischen Material finden.
Um zu ermitteln zu welchem Knochen und zu welchem Tier das zu untersuchende Stück gehört, greifen wir auf unsere osteologische Vergleichssammlung zurück. Im Naturhistorischen Museum in Wien befindet sich nämlich eine der besten archäozoologischen Sammlungen Europas. Diese beinhaltet die Knochen vieler verschiedener existierender und ausgestorbener Arten aus verschiedenen Zeitepochen und Regionen, mit einem Schwerpunkt auf den Säugetieren (Haus- und Wildtiere) Europas.
Die Sammlung wurde in den 1970er Jahren aufgebaut und umfasst mittlerweile mehr als 800.000 Stücke. Neben den häufigsten Arten aus archäologischen Fundstellen, etwa Rind, Schwein, Schaf oder Hirsch, enthält sie auch zahlreiche Kleinsäuger wie Hasen, Marder oder verschiedene Mäusearten. Solche Tiere gelangen häufig erst lange nach der Nutzung einer archäologischen Fundstelle in die Schichten. Sie graben dort ihre Baue und sterben schließlich darin. Bei Ausgrabungen können ihre Knochen daher mit deutlich älterem Fundmaterial vermischt sein.
Darüber hinaus umfasst die Sammlung Vergleichsmaterial von Fischen, Vögeln, Amphibien und Reptilien. Neben den alltäglichen Referenzstücken finden sich auch einige besonders beeindruckende Exemplare, etwa Knochen von Auerochsen, einem Bison oder sogar einem Höhlenbären.
Mit Hilfe der Sammlung können wir die zu identifizierenden Stücke mit dem Material der Sammlung vergleichen und bestimmen. Diese Arbeit ist besonders spannend, weil das Ganze, besonders bei schwierigen Teilen, eine gewisse Detektivarbeit annimmt. Dabei müssen wir auf kleinste Hinweise und Charakteristika an dem zu bestimmenden Stück achten, um die Lösung zu finden.
Manchmal ist das gar nicht so leicht, und ein Teil der Knochen bleibt unbestimmbar. Aus dem Knochenmaterial der kupferzeitlichen Seeufersiedlung Mooswinkel haben wir jedoch eine Fülle an Tierarten bestimmen können. Damit endet unsere Arbeit jedoch nicht. Wie die Spurensuche genau weitergeht, berichten wir im zweiten Teil unseres Blogbeitrags!