DNA aus Steinzeitkleber: Wie Birkenpechreste aus Pfahlbausiedlungen neue Einblicke in die aDNA-Forschung ermöglichen
Anna White und Hannes Schroeder berichten, was ein kleines Stück Birkenpech über die Menschen vor mehr als 5000 Jahren verrät.
Was kann uns ein kleines Stück Birkenpech über Menschen erzählen, die vor mehr als 5000 Jahren lebten? Mehr, als man vielleicht denkt.
Im ERC-Projekt "AlpGen" untersuchen wir die Bevölkerungsgeschichte der Pfahlbaukulturen im Alpenraum mithilfe von alter DNA. Normalerweise gewinnen wir solche genetischen Informationen aus menschlichen Knochen oder Zähnen. Doch genau diese fehlen an vielen Pfahlbausiedlungen, denn es gibt kaum Gräber zu den Siedlungen. Wie und wo die Bewohner:innen der Seeufersiedlungen damals ihre Toten bestatteten, ist noch weitestgehend unbekannt. Deshalb müssen wir andere Wege finden, um etwas über die Menschen hinter den Funden zu erfahren.
Hier kommt Birkenpech ins Spiel. Dieses schwarze, harzige Material kann aus Birkenrinde gewonnen werden. In der Steinzeit wurde es bereits produziert und als eine Art Universalkleber verwendet, etwa um Steinklingen in einer Halterung zu befestigen oder Bruchstellen in einer Keramik zu reparieren. Dabei weist Pech interessante Eigenschaften auf, denn abgekühlt härtet es zu einer stabilen Masse aus, doch je wärmer, umso flüssiger wird es. Oft wurde Pech in größeren Mengen produziert, als man verarbeiten konnte. Für eine spätere Verarbeitung wurden Pechklumpen darum vorher gekaut, um das Material wieder weich zu machen. Das fühlt sich ein bisschen so an wie Kaugummi kauen, nur anstelle von Minze mit Teer-Aroma. Bei dieser Materialvorbereitung bleiben winzige Spuren von Speichel und damit auch DNA der Person zurück, die das Stück Pech im Mund hatte.
In unserem Labor in Kopenhagen versuchen wir, diese uralten DNA-Spuren wieder sichtbar zu machen. Dazu benötigen wir Objekte, an denen sich Pechreste befinden, oder manchmal finden sich auch Pechstücke mit Zahnabdrücken, also Reste, die einfach irgendwo ausgespuckt wurden. Besonders spannend ist für uns auch Material aus Österreich. Aktuell arbeiten wir gemeinsam mit dem Kuratorium Pfahlbauten und dem Forschungsteam vom Projekt Zeitensprung unter anderem an Funden aus der Pfahlbausiedlung Mooswinkel am Mondsee in Oberösterreich (Datierung: 3800–3400 v. Chr.). Hier wurden zwei sogenannte Steinzeitkaugummis gefunden. Proben aus solchen Objekten sind für uns extrem wertvoll, weil es für diese Region und Zeit bisher nur sehr wenige genetische Daten gibt.
Wir brauchen für unsere Untersuchung nur ein winziges Stück – oft nur etwa 20 Milligramm – und lösen daraus die DNA. Anschließend wird sie bei uns sequenziert und dann analysiert. So können wir zum Beispiel bestimmen, ob das Pech von einer Frau oder einem Mann gekaut wurde, wo diese Menschen genetisch herkommen und wie sie miteinander verwandt waren.
Für uns ist genau das so faszinierend an dieser Forschung: dass scheinbar unscheinbare Objekte – kleine Klumpen Birkenpech – plötzlich zu direkten Zeugen menschlicher Geschichten aus der Steinzeit werden. So können wir zum Beispiel bestimmen, ob das Pech von einer Frau oder einem Mann gekaut wurde, wo diese Menschen genetisch herkommen und wie sie miteinander verwandt waren.
Für uns ist genau das so faszinierend an dieser Forschung: dass scheinbar unscheinbare Objekte – kleine Klumpen Birkenpech – plötzlich zu direkten Zeugen menschlicher Geschichten aus der Steinzeit werden.