Kulturerbe unter Wasser: Zeit zu handeln
25 Jahre nach ihrer Verabschiedung wartet die UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasserkulturerbes noch immer auf Österreichs Unterschrift – dabei zeigt der trockene Sommer 2026, wie dringend das archäologische Erbe in unseren Gewässern Schutz braucht.
Seit 2011 zählen die "Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen" zum UNESCO-Welterbe – 111 Fundstellen in sechs Ländern, darunter auch österreichische Seen wie der Mondsee, der Attersee und der Keutschacher See. Die Einschreibung hat den Blick international wie national auf ein Erbe gelenkt, das den meisten Menschen unsichtbar bleibt: das Kulturerbe unter Wasser. Doch trotz dieser Aufmerksamkeit wissen wir noch erstaunlich wenig darüber, was tatsächlich in Österreichs Gewässern verborgen liegt – und der Sommer 2026 hat gezeigt, wie dringend sich das ändern muss.
Ein Erbe voller blinder Flecken
Die Pfahlbauten sind nur ein Ausschnitt eines viel größeren Bildes. Unter der Oberfläche österreichischer Seen, Flüsse und Moore verbergen sich potenziell ganz unterschiedliche Spuren menschlicher Geschichte: Einbäume, die von der Steinzeit bis weit ins 20. Jahrhundert eine durchgehende Verkehrs- und Nutzungsgeschichte unserer Gewässer erzählen können, andere Schiffswracks aus unterschiedlichen Zeiten, Siedlungsreste wie die urgeschichtlichen Pfahlbauten selbst, Hafenanlagen, Brücken – darunter auch römische Brückenanlagen –, Furten und Opferplätze, Becken für die Fischzucht sowie Zeugnisse der jüngeren Industriegeschichte: Mühlen, Hammerwerke, Anlagen der Holzindustrie oder des Salzhandels. Die Quellen sind vielfältig und diese Liste könnte noch lange weitergeführt werden. Einzelne solcher Fundstellen sind bekannt, doch die Lücken zwischen ihnen sind groß. Wir kennen bislang nur einen Bruchteil dessen, was tatsächlich vorhanden ist.
Der Sommer 2026 als Weckruf
Diese Wissenslücke ist kein rein akademisches Problem. Viel wurde sicherlich in den letzten 150 Jahren durch Flussbegradigungen und andere Bauprojekte an unseren Gewässern zerstört. Der Sommer 2026 hat nun aber mit seinen ausgeprägten Trockenperioden deutlich vor Augen geführt, was der Klimawandel für das Unterwasserkulturerbe bedeutet: Immer mehr Flüsse und Seen fallen zeitweise trocken oder führen deutlich weniger Wasser, und geben dabei empfindliches Kulturgut frei. Das kann zu spektakulären neuen Entdeckungen führen – gleichzeitig droht genau dadurch der unwiederbringliche Verlust archäologischer Quellen. Besonders organische Materialien wie Holz, Textilien oder Nahrungsreste, die im feuchten, sauerstoffarmen Milieu unter Wasser oft jahrtausendelang außergewöhnlich gut erhalten bleiben, zerfallen an der Luft innerhalb weniger Wochen. Genau diese hervorragende Erhaltung ist ja eine der großen Besonderheiten der Unterwasserarchäologie – und genau sie steht jetzt unter Druck. (Aus aktuellem Anlass durfte ich dazu auch im Fernsehen kommentieren.)
Daten allein reichen nicht
Projekte wie Aqua Cultural Heritage leisten wichtige Grundlagenarbeit und werden in den kommenden Jahren neue Daten zu Fundstellen in österreichischen Gewässern liefern. Doch Forschung allein schafft keine verlässlichen Strukturen. Es braucht eine gesetzliche Grundlage, die Zuständigkeiten unterstützt und klar regelt und dem Kulturerbe unter Wasser den Stellenwert gibt, der ihm zukommt. Genau das leistet das UNESCO-Übereinkommen von 2001 zum Schutz des Unterwasserkulturerbes – ein völkerrechtlicher Rahmen, den Österreich bislang nicht ratifiziert hat.
Was die Schweiz zeigt
Ein Einwand gegen die Konvention lautet oft, sie sei vor allem für Meeresanrainerstaaten relevant. Das Beispiel der Schweiz widerlegt das eindrücklich: Als Binnenstaat ohne eigenen Meereszugang hat sie das Übereinkommen 2019 ratifiziert – gerade weil auch das Kulturerbe in Seen und Flüssen international abgestimmten Schutz braucht. Die Schweiz hat damit anerkannt, dass Zuständigkeiten, Standards und Bewusstsein für dieses Erbe nicht an der Küste enden. Für Österreich als weiteres Binnenland ist dieses Beispiel ein wichtiges Argument: Auch ohne Meer gibt es viel zu schützen – und viel zu gewinnen.
Grenzenlose Gewässer brauchen grenzüberschreitende Zusammenarbeit
Die Konvention würde außerdem etwas ermöglichen, das für Österreichs Gewässerlandschaft besonders wichtig ist: internationale Kooperation. Seen und Flüsse halten sich nicht an Staatsgrenzen. Der Bodensee ist dafür ein anschauliches Beispiel: Zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der Grenzverlauf im Obersee völkerrechtlich bis heute nicht abschließend geklärt. Wie soll unter solchen Bedingungen geregelt werden, wer für ein Wrack oder eine Siedlungsspur am Seegrund zuständig ist? Ein gemeinsamer völkerrechtlicher Rahmen, wie ihn die Konvention bietet, schafft hier die Basis für abgestimmtes Handeln – von der Forschung bis zum akuten Schutz bei Fund oder Gefährdung.
25 Jahre Konvention – und wir sind nicht dabei
2026 feiert die UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasserkulturerbes ihr 25-jähriges Jubiläum. Ein Blick in die österreichische Ratifizierungsgeschichte zeigt, warum jetzt der richtige Zeitpunkt zum Handeln ist: Für das "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" – die UNESCO-Welterbekonvention, auf deren Grundlage auch die Pfahlbauten als Welterbe eingeschrieben werden konnten – brauchte Österreich von der Verabschiedung 1972 bis zur Ratifizierung 1992 immerhin 20 Jahre. Bei der Konvention zum Schutz des Unterwasserkulturerbes sind seit ihrer Verabschiedung 2001 bereits 25 Jahre vergangen, ohne dass Österreich sie ratifiziert hätte. Es ist also höchste Zeit, hier nachzuziehen.
Ein globaler Aktionstag – mit Beteiligung aus Österreich
Aus Anlass des Jubiläums wird am 21. August 2026 auch erstmals der Internationale Tag des Kulturerbes unter Wasser begangen. Gemeinsam mit anderen Organisationen, die sich um unterwasserarchäologische Fundstellen kümmern, ist dazu ein 24-Stunden-Videostream entstanden (gesendet wird am 21. August ab 12:00 CET). Das Kuratorium Pfahlbauten ist mit dabei und stellt stellvertretend für das gemeinsame UNESCO-Welterbe "Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen" die Siedlung von Keutschach am See sowie das Projekt Aqua Cultural Heritage vor.
Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte: Auch im kommenden Jahr wird das Unterwasserkulturerbe ein Thema sein – im Rahmen der KulturEXPO 2027 in Oberösterreich.
Zeit zu handeln
Das Welterbe der Pfahlbauten hat gezeigt, was möglich ist, wenn sechs Staaten gemeinsam Verantwortung für ein geteiltes Erbe übernehmen. Es ist Zeit, diesen Gedanken auf das gesamte Kulturerbe unter Wasser auszuweiten – mit einer Ratifizierung der UNESCO-Konvention 2001 durch Österreich. Nur so lassen sich Zuständigkeiten schaffen, Forschung wie Aqua Cultural Heritage sinnvoll einbetten und die Zeugnisse, die uns dieser Sommer noch einmal schmerzhaft in Erinnerung gerufen hat, für kommende Generationen bewahren.
Kulturerbe aus österreichischen Gewässern
Neben den bekannten prähistorischen Pfahlbauten aus dem Neolithikum finden sich auch zahlreiche Kulturgüter aus anderen Epochen in den Seen, Flüssen und Mooren Österreichs. Ein paar Beispiele zeigen die Vielfalt dieser archäologischen Funde.