Kuratorium Pfahlbauten - Burgring 7, 1010 Wien
Tel.: +43 (0) 1 521 77 295, Email: info@pfahlbauten.at

Warum wir gerade nicht untertauchen.

5. Mai 2020

Es ist fast schon zu sommerlich für April. Draußen ist der Himmel blau und es weht ein leichtes Lüftchen. Dennoch arbeiten die meisten von uns im Kuratorium Pfahlbauten immer noch in ihren mehr oder weniger provisorischen Büros zuhause. Wo wir uns doch eigentlich schon nach der „Feldforschung“ an den Seen in Oberösterreich und Kärnten sehnen. Besonders, wenn die Wetterbedingungen so perfekt wie gerade erscheinen. Dennoch haben wir uns entschlossen die Arbeiten unter Wasser auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr zu verschieben und lieber auf Nummer sicher zu gehen.

Auch wenn wir in sehr kleinen Teams arbeiten, jeder seine eigene, persönliche Ausrüstung hat und die Schutzmaßnahmen aufgrund des Sars-CoV-2 Virus immer mehr gelockert werden, haben wir bewusst diese Entscheidung getroffen um die Gesundheit unserer Kolleg*innen nicht zu gefährden.

Worauf begründen sich unsere Überlegungen? So wie es im Allgemeinen noch viel zu wenig abgesicherte Studien zu verschiedenen Aspekten einer Covid-19 Infektion gibt, wurde auch über das Randthema Tauchen in diesem Kontext noch nicht explizit geforscht. Wir haben also keine klaren Fakten, aus denen sich eindeutige Aussagen und Handlungsanweisungen ableiten lassen. Es gibt aber ein paar Ansätze und Empfehlungen, die wir hier für wichtig und relevant halten:

  1. Eine Covid-19 Erkrankung wirkt sich in den meisten schwerwiegenden Fällen direkt auf die Atemwegsysteme aus. In dramatischen Fällen kann es zu einem kompletten Lungenversagen (ARDS - Acute Respiratory Distress Syndrome) kommen. Alle im Überdruck - also auch mit Tauchflaschen - ausgeführte Tätigkeiten unterliegen einem erhöhten gesundheitlichen Risiko.[1] Obwohl wir in der Pfahlbauforschung im Flachwasserbereich von manchen Risiken des Tauchens in großen Tiefen verschont sind, kann auch bei uns jedes körperliche Problem unter Wasser lebensbedrohlich sein. Natürlich steigen unsere Forschungstaucher*innen nur fit in die Tauchanzüge, aber das Krankheitsbild von Covid-19 ist für unser Berufsfeld besonders bedrohlich und erhöhte Vorsicht ist in diesem Arbeitsumfeld angeraten.
     
  2. Neben den Atemwegen gibt es noch weitere Gefahren von unterschwelligen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, deren Zusammenhänge mit dem Sars-CoV-2 Virus allerdings auch erst im Ansatz untersucht wurden.[2] Potentielle Spätfolgen, beispielsweise Herzmuskelentzündungen, bei übergangenen Grippen sind schon länger bekannt. Wie riskant eine eher asymptomatisch verlaufende Covid-19 Infektion hier sein kann, muss aber erst genauer untersucht werden.
     
  3. Damit sind wir auch bereits bei der Problematik, dass in vielen Fällen die Krankheit nur sehr mild und unbemerkt verläuft und zusätzlich die Mechanismen der Übertragung von SARS-CoV-2 immer noch weitgehend unklar sind. Eine Ansteckung durch den Kontakt mit einer erkrankten Person als Virusverteiler ist also immer möglich, wenn äußerliche Anzeichen der Infektion kaum in Erscheinung treten.[3]
     
  4. Natürlich können wir erhöhte Präventivmaßnahmen setzen und verstärkt Tauchtauglichkeitsuntersuchungen und Tests einführen. Erweiterte Empfehlungen zu arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen für die Kolleg*innen der Taucharchäologie in der Schweiz wurden beispielsweise von der Schweizer Unfallversicherung (SUVA) empfohlen. Ebenso wurden von verschiedenen Verbänden in Deutschland[4] und in Belgien[5] Stellungnahmen zum „Tauchen nach COVID19-Erkrankung“ herausgegeben, die sich vor allem auf Vorsichtsmaßnahmen und erweiterte Ausheilzeiten im Falle einer bereits vorhandenen Infektion beziehen.
     
  5. Besonders in der Deutschen Stellungnahme wird auch auf den Artikel von Dr. Frank Hartig im Tauchmagazin „wetnotes“ Bezug genommen, in dem dieser von seinen
    Beobachtungen als Intensivmediziner am Innsbrucker Uniklinikum berichtet.[6] Dabei handelt es sich um seine eigenen Erfahrungen und um keine wissenschaftlichen Studien. Dennoch haben seine Beobachtungen zu den Lungenveränderungen in Folge einer Infektion mit Sars-CoV-2 und die von ihm in den Raum gestellten potentiellen Langzeitfolgeschäden zu großen Diskussionen in der Tauchwelt geführt.

Klar ist, dass wir noch zu wenig abgesicherte Daten und Studien für eine eindeutige Aussage haben, ob das Tauchen in Zeiten der Gefahr einer Covid-19 vertretbar ist, oder nicht. Auf privater Ebene liegt dies derzeit im individuellen Ermessen jedes einzelnen Menschen, und die oben erwähnten Stellungnahmen sollten auch ausreichen, um das Risiko für sich selbst zu bewerten. Unter Einhaltung von erhöhten Vorsichtsmaßnahmen, wie sie beispielsweise auch von der ARGE Tauchen empfohlen werden[7], und bei der derzeitigen Entwicklung der Fallzahlen in Österreich ist die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung derzeit auch nicht sehr hoch. Besonders wichtig ist hier sicher die Empfehlung zum defensiven Tauchen, d.h. einer Vermeidung von zusätzlichen Risiken bei den Tauchgängen.

Wenn es jedoch uns als Organisation und damit die langfristige Berufsfähigkeit unserer Forschungstaucher*innen betrifft, haben wir uns dazu entschlossen lieber auf Nummer sicher zu gehen. Damit folgen wir in unserer Entscheidung auch der letzten veröffentlichen Stellungnahme der Österreichischen Gesellschaft für Tauch- und Hyperbarmedizin. Auch hier werden „die asymptomatischen (nicht getesteten) Personen, welche ohne Wissen über ihre evtl. Lungenveränderungen ohne neuerliche ärztliche Beurteilung tauchen gehen würden“, als besonders kritisch eingestuft und eine Freigabe des Tauchens deshalb nicht empfohlen.[8]

Wir sind in der glücklichen Lage das diesjährige Arbeitsprogramm einigermaßen flexibel gestalten zu können. Deswegen bleiben die Taucherbrillengläser unbespuckt (ähm…das sollte man derzeit vielleicht sowieso lassen) und unser Boot im Hafen.

Ist das gerechtfertigt? Wir denken ja.

Hoffen wir, dass wir bald wieder mit gutem Gefühl die Welt der Pfahlbauten unter Wasser erforschen können.

Update am 7.5.2020: Auch von der Kommission für Forschungstauchen in Deutschland gibt es mittlerweile eine aktuelle Stellungnahme: http://www.forschungstauchen-deutschland.de/index.php/de/

[Herzlichen Dank für die Detailinformationen an Sandro Geiser von der Unterwasserarchäologie des Amtes für Städtebau in Zürich, Dr. Ralph Schill vom CMAS Scientific & Sustainability Committee (SC), Dr. Peter Germonpré vom Centre for Hyperbaric Oxygen Therapy im Military Hospital Brussels und Dr. Roswitha Prohaska von der Österreichischen Gesellschaft für Tauch- und Hyperbarmedizin.]


[1] Siehe dazu beispielsweise für Österreich die entsprechende Verordnung des Bundesministers für soziale Verwaltung vom 25. Juli 1973 über den Schutz des Lebens und der Gesundheit der Arbeitnehmer bei Arbeiten in Druckluft sowie bei Taucherarbeiten (Druckluft- und Taucherarbeiten-Verordnung) in der geltenden Fassung (29.04.2020). (Link: https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10008298&FassungVom=2020-04-29)

[2] Yong-Jian Genga, Zhi-Yao Weib, Hai-Yan Qianb, Ji Huangc, Robert Lodatoa, Richard J. Castriotta, Pathophysiological Characteristics and Therapeutic Approaches for Pulmonary Injury and Cardiovascular Complications of Coronavirus Disease 2019, Cardiovascular Pathology (2020), doi: https://doi.org/10.1016/j.carpath.2020.107228

[3] Siehe dazu den Abschnitt: Transmission by asymptomatic or pre-symptomatic subjects im Living Document der Universität Leuven: Martine Denis, Valerie Vandeweerd, Rein Verbeke, Diane Van der Vliet, Overview of information available to support the development of medical countermeasures and interventions against COVID-19; wöchentlich aktualisiert unter: https://rega.kuleuven.be/if/corona_covid-19

[4] Stellungnahme vom 24.04.2020 der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM), der Leitung Medizin der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) und des Fachbereichs Medizin des Verbandes Deutscher Sporttaucher (VDST): https://www.vdst.de/download/tauchen-nach-covid19-erkrankung-gemeinsame-...

[5] Position of the Belgian Society for Diving and Hyperbaric Medicine (SBMHS-BVOOG) on
Diving after COVID-19 pulmonary infection (vom 12.04.2020)

http://www.sbmhs-bvoog.be/2020%200412%20Position%20of%20the%20BVOOG.pdf

Cyril Dworsky ist der Geschäftsführer des Kuratoriums Pfahlbauten, dem nationalen Management des UNESCO-Welterbes "Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen".

1 von 1

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
Weitere Informationen zur Erhebung und Speicherung ihrer Daten können sie der Datenschutzerklärung entnehmen

Fördergeber

 
Das Kuratorium Pfahlbauten wurde im Jahr 2012 von Bund und Ländern ins Leben gerufen, um den österreichischen Teil des internationalen UNESCO-Welterbes „Prehistoric Pile Dwellings around the Alps“ stellvertretend für die Republik Österreich zu betreuen.

Die Fördergeber sind:

Partner und Sponsoren

   
Das UNESCO-Welterbe „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“ wird unterstützt durch: