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Die spinnen, die Pfahlbauer

3. Januar 2018

Sprache ist für mich voll kollektiver unbewusster Erinnerungen. Das wurde mir kürzlich wieder einmal deutlich, als eine Kollegin meinte, sie habe einen riesigen Datensatz noch einmal komplett „durchgehechelt“. Man versteht zwar sofort, was sie meint, aber… Hand aufs Herz, wer weiß schon spontan, was „hecheln“ heisst? Das Wort kommt von Jahrtausende alten Handwerkstraditionen, die im Begriff sind, zu verschwinden. Was ich übrigens nicht bedaure.

Wenn man genau hinsieht, erkennt man in den Kulturschichten von Pfahlbaufundstellen wie Parkhaus Opéra in Zürich kleine Pflanzenstängel. Es sind die Stängelbruchstücke, die übrig bleiben, wenn man aus Flachspflanzen Fasern für Textilien gewinnt. Sie widerlegen hervorragend das Klischee der dummen, Bärenfell tragenden Vorzeitmenschen: Aus Flachs Leinentuch zu machen, ist nämlich gar nicht so einfach. Man muss die Pflanzen erst kontrolliert ein paar Wochen lang verrotten lassen. Bakterien zerlegen den Zellverbund so, dass die Fasern leichter zu gewinnen sind. Darauf muss man erst einmal kommen! Später kann man die Stängel trocknen, brechen und die Fasern reinigen.

Das Reinigen bedeutet konkret, dass man mit einer Art Kamm die halb verrotteten unerwünschten Reste des Flachsstängels aus den Fasern herauskämmt. Dieser Kamm heisst „Hechel“ und das Auskämmen ist das Hecheln. In den Pfahlbauten findet man manchmal eine solche Hechel aus zusammengebundenen angespitzten Rippen. Eigentlich ein schönes Bild für den mühsamen Prozess, aus großen Datenmengen den Müll auszusondern.

Das Textilhandwerk hat uns noch ein weiteres Wort hinterlassen, das man oft verwendet, ohne sich über seine Herkunft Gedanken zu machen: Um Garn aus den Fasern zu machen, benutzte man von der Steinzeit bis in jüngste Zeit Handspindeln, also ein Holzstäbchen mit einem Schwungrad aus Ton - den Spinnwirtel. Solche Spinnwirtel findet man regelmässig in Pfahlbauten des späten 4. Jahrtausends v. Chr. Ich habe versucht, einen Faden so herzustellen – nach reiflicher Überlegung habe ich allerdings beschlossen, mit dem Ergebnis nicht an die Öffentlichkeit zu treten.

Aber auch wer die Technik beherrscht, muss in mühevoller Arbeit viele Hundert Meter Garn spinnen, damit es für ein grosses Tuch reicht. Das dauert und ist sehr, sehr eintönig. Deswegen hat man das oft gemeinsam in kleinen Grüppchen gemacht und dabei geschwatzt. Offenbar hatte in diesen Sitzungen der Unterhaltungswert einer Geschichte größere Bedeutung als ihr Wahrheitsgehalt, denn nicht ohne Grund hat «spinnen» bis heute noch eine zweite Bedeutung, die genau von diesen Sitzungen herrührt, die in der Steinzeit wohl nicht viel anders abgelaufen sein dürften.

Heute werden beide Arbeiten – hecheln und spinnen – von Maschinen erledigt. Klar geht damit eine sehr lange Tradition zu Ende. Aber ehrlich: Wer das schade findet, spinnt!

Niels Bleicher ist wissenschaftlicher Leiter der Ausgrabung Parkhaus Opéra. Der Archäologe und Dendrochronologe arbeitet im Amt für Städtebau.

Grabungsfrische Hechel aus angespitzten Rippen, Zürich-Parkhaus Opéra um 3175 v.Chr. (Bild: Unterwasserarchäologie, AfS Stadt Zürich)
Grabungsfrische Hechel aus angespitzten Rippen, Zürich-Parkhaus Opéra um 3175 v.Chr. (Bild: Unterwasserarchäologie, AfS Stadt Zürich)
Spinnwirtel, Zürich-Parkhaus Opéra um 3175 v.Chr. (Bild: Unterwasserarchäologie, AfS Stadt Zürich)
Spinnwirtel, Zürich-Parkhaus Opéra um 3175 v.Chr. (Bild: Unterwasserarchäologie, AfS Stadt Zürich)
Flachsstängelfragmente aus Zürich-Parkhaus Opéra um 3175 v.Chr. (Bild: S. Jacomet)
Flachsstängelfragmente aus Zürich-Parkhaus Opéra um 3175 v.Chr. (Bild: S. Jacomet)
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Kommentare

Gespeichert von Hirschinger Norbert am

Sehr geehrter Herr Bleicher,

mein Hobby ist die Steinzeit mit ihren alten Handwerkstechniken. Im Zusammenhang mit dem gefundenen Hechel aus Rippenspitzen interessiert mich, von welchem Tier die Rippen stammen und aus welchem Material die Bindung gefertigt ist. Womit wurde die Bindung fixiert, Hautleim Harz, Birkenpech oder gar nicht.
Einen kleinen Einblich in meine Arbeit sehen Sie hier:
https://www.flickr.com/photos/35588839@N04/

Ein gewisser Helmut Windl ist ein guter Freund von mir.

Herzliche Grüße
Norbert Hirschinger

Gespeichert von Bleicher am

Sehr geehrter Herr Hirschinger
die Rippen wurden teils deutlich überarbeitet und sind daher schwer zu bestimmen. Daher lautet die Bestimmung nur allgemein auf "Grosswiederkäuer". Also wahrscheinlich Rind oder Hirsch.
Die Bindungen wurden nicht in jedem Falle von Spezialisten untersucht. Mit einiger Wahrscheinlichkeit handelt es sich um Bast. Beim Bast wurde meistens Linde verwendet, aber auch Ulme und Eiche geben tauglichen Bast.
Hoffe diese dünnen Angaben helfen weiter!
Beste Grüsse
Niels Bleicher

Gespeichert von Hirschinger Norbert am

Sehr geehrter Herr Bleicher,

danke für Ihre schnelle Antwort, die mir somit bei meiner Reko viel Spielraum läßt !

Mit freundlichen Grüßen

Norbert Hirschinger

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