18.04.2021 - 13:00

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Das Virus und die Unterwasserarchäologie - Eine besondere Kampagne 2020

10. Dezember 2020

Covid-19 oder Corona hat im Jahr 2020, in unterschiedlichen Ausmaßen, jede einzelne Person betroffen - so auch uns Unterwasserarchäolog*innen und unsere Berufsausübung.

Einmal im Jahr, meist im April/Mai, findet unsere Grabungskampagne statt. Viel Zeit und Geld wird jährlich in die Planung investiert und auch die Vorfreude, neue und spannende Erkenntnisse aus den neolithischen Kulturschichten unserer Pfahlbaustationen im Mondsee oder Attersee zu gewinnen, ist groß.

Die aktuelle Covid-19 Pandemie erforderte jedoch Wachsamkeit, Einschränkungen und ein Abwägen des Risiko-Nutzenfaktors, besonders für die Mitarbeiter*innen. Auch wenn das Gesundheitsrisiko von Tauchen mit einer möglichen Erkrankung noch nicht klar abzuschätzen ist, und trotz sorgfältiger Tauchgangsplanung, kann das Auftreten von tauchbedingten Gesundheitsstörungen wie z. B. Barotraumen, Dekompressionskrankheit, Immersions-Lungenödem oder Beinahe-Ertrinken, welche eine medizinische Versorgung erfordern, nicht ausgeschlossen werden. Diese könnte unter den gegenwärtigen Bedingungen der (Selbst)Isolation und des persönlichen Schutzes sowie durch die Knappheit an Rettungsmitteln und medizinischen Ressourcen beeinträchtigt sein. Somit wurde unsere Grabung und weitere Projekte Anfang des Jahres auf unbestimmte Zeit verschoben.

Unser Optimismus, eine ausführliche Planung im Hintergrund und ein Covid-19 Präventivkonzept haben sich jedoch ausgezahlt, und uns wurde von der ÖGTH - Österreichische Gesellschaft für Tauch- und Hyperbarmedizin - für Herbst 2020 das OK für eine verkürzte Kampagne gegeben. Die zu dem Zeitpunkt der Tauchkampagnen noch relativ niedrigen Fallzahlen, das kleine Team und die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen veranlassten uns zu der Entscheidung, die Feldforschung auch 2020 durchzuführen.

Obwohl viele unserer Projekte, wie z.B. eine internationale Fieldschool, Vermittlung von Wissen in Form von Vorträgen, Führungen und Festen ebenso wie die sonst üblichen Besuche der Anrainer*innen im Rahmen eines „Tag der offenen Grabung“ nicht stattfinden konnte, war es uns möglich unser aller kulturelles Erbe unter Wasser zu besichtigen und seinen Zustand bzw. seine Gefährdung zu eruieren.

Doch inwiefern unterschied sich ein unterwasserarchäologisches Projekt von 2019 zu 2020, abgesehen von seiner Dauer und Intensität?

Zum Anfang war die heurige – jährlich fällige - tauchmedizinische Untersuchung im Vergleich zu den Jahren zuvor weitaus gründlicher und inkludierte nicht nur mehrere Tests, sondern auch einen Covid-19 Antikörper Test und eine Computertomographie des Brustkorbes. Da dieser Virus besonders die Lungen befällt, war es wichtig festzustellen, ob bereits ein Schaden an den Lungen besteht.

Des Weiteren, und so ist es vielen Berufstätigen ergangen, gab es ganz klare Verhaltensregen und Präventivmaßnahmen, die unbedingt eingehalten werden mussten. Auch im Normalfall sind wir ein sehr kleines Team, das meist aus vier Forschungstaucher*innen und drei bis fünf Personen in der Fundverwaltung besteht. Es kann natürlich immer mal jemand aufgrund einer Erkältung für kurze Zeit ausfallen, aber da es sich bei Covid-19 um ein sehr ansteckendes Virus handelt, war die Gefahr, dass eine infizierte Person das ganze Team und somit das Projekt lahmlegt, sehr hoch und wir mussten unsere üblichen Verhaltensweisen schnell an die neue Situation anpassen. Nicht nur das Verhalten während der Arbeitszeit war betroffen, sondern auch das in unserer Freizeit. Hierzu gleich mehr, doch zuerst ein paar Sachen, die sich im alltäglichen Arbeitsablauf am Boot, im Büro und eben nach Arbeitsende verändert haben:

Abgesehen von einer Fülle an Desinfektionsmittel für Hände, Türklinken, Computertastaturen, Tauchmasken und allerlei anderes, das man ca. tausendmal am Tag berührt, musste man den Umgang miteinander den Umständen anpassen.

Für uns Taucher*innen war die tägliche Bootsfahrt und das Tauchen kaum anders als sonst. Man besitzt ja eine eigene Vollgesichtsmaske, ein super Virenschutz, der Abstandsregeln auf einem kleinen Boot sehr erleichtert, und arbeitet unter Wasser meist alleine. Der einzige Unterschied war, dass jeder seine eigene Thermoskanne mit Tee mitnehmen musste und man nach getaner Arbeit seinen Tee nicht brüderlich geteilt, sondern das kostbare Kräuterwasser für sich allein geschlürft hat. So weit so gut. Zudem bin ich davon überzeugt, dass die täglichen fünf Stunden an der frischen Luft unserem Immunsystem nur gutgetan haben.

Doch wie verhält es sich in geschlossenen Räumen, wenn die nicht zu vernachlässigende Dokumentationsarbeit vor einem Computer getan werden muss? Eigentlich war auch dies nicht schlimm. Mit dem allgegenwärtigen Desinfektionsmittel hat man seine Computertastatur, Telefone, Stifte etc. regelmäßig gereinigt und auch die Arbeitsplätze waren mit ausreichendem Abstand voneinander positioniert. Lediglich das häufige „schau doch mal her und erklär mir das“ oder „was meinst du damit“ Gehabe, das normalerweise einen genaueren Blick über die Schulter der Kollege*innen auf den Computer inkludiert, war diesmal anders und etwas gewöhnungsbedürftig. Aber man soll ja mindestens einmal in der Stunde von seinem Schreibtisch aufstehen und sich die Beine vertreten, da kann fünfmal die Stunde doch nur besser sein!

Das Einzige, was sich für mich merklich bei dieser Kampagne im Vergleich zu den letzten Jahren verändert hat, ist das soziale Gefüge nach getaner Arbeit. Üblicherweise verbringt die Mannschaft, ob nun vier oder zehn Personen, den Abend zusammen. Wir wohnen meist in der gleichen Unterkunft, dass für mehrere Wochen, und so gestaltet man auch das Abendprogramm zusammen. Diesmal gab es kein gemütliches Beisammensein, Kartenspielen, musizieren oder sonstige abendliche Aktivitäten. Um nicht anfällige, geliebte Menschen zu Hause, das Projekt selbst und natürlich die eigene Gesundheit zu gefährden, hat man sich nach einem gemeinsamen Abendessen mit Abstand auf sein Einzelzimmer zurückgezogen, Sport an der frischen Luft gemacht, gelesen oder auch aufgeschobene Arbeit aufgeholt.

Im Grunde genommen, und aus meiner privilegierten Sicht, hat die Covid-19 Pandemie in Bezug auf unsere unterwasserarchäologischen Projekte lediglich das Planen verdoppelt, mehr persönliche Einschränkungen gebracht und mehr Achtsamkeit bezüglich seines eigenen Verhaltes gegenüber seinen Mitmenschen gefordert. Obwohl meine Arbeit und somit Einkünfte stark reduziert wurden, bin ich dankbar, dass ich mein zum Beruf gemachtes Hobby überhaupt ausüben durfte. Keiner unserer Mitarbeiter*innen wurde krank, weder mit Covid-19 noch mit einer normalen Erkältung und wir konnten unsere wissenschaftlichen Aufträge erfüllen.

Wenn man bedenkt, wie schlecht es vielen Menschen weltweit geht, und das nicht nur im Hinblick auf die Covid-19 Pandemie, sollte man sich auf die positiven Dinge in seinem Leben besinnen. Meine Devise lautet also: weniger jammern und dankbar sein für das, was man hat. Mit gemeinschaftlichem Zusammenhalt und Rücksichtnahme schaffen wir es auch noch den Rest der Pandemie zu überwinden. Somit wünsche ich euch Gesundheit, Glück, Wertschätzung und wie wir Taucher*innen sagen: Gut Luft!

Esther Unterweger ist Archäologin und Forschungstaucherin. Sie ist seit 2016 Teil unseres Tauch-Teams, das sich um das Monitoring und die Unterwasser-Ausgrabungen kümmert.

Das kleine Team hielt sich die meiste Zeit an der fischen Luft auf.
Beim Tauchen selber ist man ohnehin physisch voneinander getrennt.
Auch die Kolleg*innen aus der Fundverwaltung arbeiteten größtenteils im Freien.
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